©Stephan
Fuchs
journalismus – nachrichten von heute
26-04-2005
Unweit
von der Berner Uni Tobler,
an der Ecke Freiestrasse und Muesmattstrasse
steht er, der weisse Kübel. Als ehemaliger Kiosk war der Kübel wohl
Schnittpunkt täglicher Auseinandersetzung, Mittler kurzer Gespräche und
Zentrifuge vieler Gedanken, die sich um Götter, Frauen und die Nachbarn
kreisten. Eine Austauschkiste sozusagen. Freilich, der Kiosk ist Vergangenheit,
die Kiste nicht. Es scheint, als gehe es nicht um den Inhalt der Kiste, als
vielmehr um die Kiste selber, denn noch immer ist sie unübersehbarer
Mittelpunkt und Anker der streng frequentierten Fussgänger Ecke im
Universitätsquartier. Die Kiste, irgendwie passt sie da gar nicht hin und doch
gehört sie frappant scharf ins Bild, zieht diesen langen Faden nach sich, dem
selbst Skater nicht widerstehen und dem zufällig um
die Ecke arbeitenden „Pfleger magischer Wesen im Garten“ ein tägliches Vergnügen
verheissen. Wenn der Faden klebt, bleibt die Zeit still.
Reality Hacking
- Es mag dieser kurze Augenblick sein der in der fanatisch schnellen Hektik des
Tages gefesselt wird, die Gedanken kurzzuschliessen vermag einzig um sich
festzuklammern an einem Objekt das nicht sein kann, eben an jenem weissen
Kübel. Ein Anschlag auf die Zeit, ein rauswerfen aus dem Trott, nur für einen
Augenblick… Vorher, das heisst jetzt, war die Kiste die Station Marks Blond,
eine Bushaltestelle mit allem was dazu gehört. Wartebank, Blumenkistchen mit
ein bisschen grün darin und die typischen Sonntagszeitungsbehälter vor der
Station inklusive Imbissbude, denn da, ob dem Fenster steht „Quick Express
Buffet“. Die meisten gehen hin, schauen was die Aufmerksamkeit derart brüsk zu
manipulieren vermochte, mal reinschauen durch das grosse Kübelfenster. Es geht
eben doch auch um den Inhalt, jener will erforscht sein. Doch der Raum dahinter
ist leer und verlassen, drin ist nichts. Nicht jetzt. Vielleicht ist das Quick
erst kürzlich geschlossen worden, vielleicht hält doch bald ein Bus... Der Bus
wird jedoch nie kommen, das Quick kennt keiner, einer, der Passant setzt sich
auf die Bank. Er wird zur Kunst, zum Theaterspieler auf der Bühne, ohne es zu
wissen. „Reality Hacking“
nennt es Georg Keller, der Kreator der Station Marks
Blond, die Busstation, die es nie gegeben hat und nie geben wird.
Rennender Kübel - Marks Blond
ist die unangenehmste Galerie die es im Moment in Bern gibt und es gibt sie
noch nicht lange. Seit Mitte Juni 2004 existiert das Marks Blond Project r.f.z.k.
(Raum für zeitgenössische Kunst) und man sieht, hört und liest mehr von
Blond als von den meisten anderen Berner Galerien. Blond verwaltet nicht Kunst
sondern betreibt, erfindet und erforscht Kunst immer wieder neu. Wöchentlich
peitscht Marks Blond auf einer Fläche von 3.5m x 3.7m Installationen und
Kunstinterventionen durch und zeigt so jährlich rund 40 Ausstellungen, pusht
ausgewählte Künstler, verlinkt, kommuniziert und kreiert die Kunst von morgen
in einem Höllentempo, dem kaum einer folgen kann. Tempo, das Spuren hinterlässt
und Narben reisst im winzigen Kübel. Der Kübel mit seiner ewigen inneren
Baustelle muss frisch gestrichen werden und es ist nicht das erste Mal. Doch
das macht nichts. Während Marks Blond in Polen ist, wird die Kiste wieder zum „white cube“.
Arbeiten - endlosSie
arbeiten schnell und das am Puls der Zeit und eines ist sicher: die Blond
Macher schlafen nicht. Sie sind am verknüpfen, am fordern und vor allem am
arbeiten – endlos. Die Vision dieses Kunstprojekts liegt im Versuch
philosophische, gesellschaftliche und politische Aspekte zu prüfen und in einen
Bezug zur Gegenwart zu stellen. Indes geht es dem kollektiv nicht primär um
Kommerz, sondern um die Aktion, das Experiment und die Kunstform an sich.
Diesen Anspruch nehmen Daniel Suter und wohl auch
seine Vertrauten, Radwina Saga Seiler und Yves
Ackermann locker auf sich. Kunst lebt! Kunst bewegt. Während die meisten
Galeristen Kunst verwalten und in gesitteten Bahnen Kunst zu verhökern
versuchen, rennt Marks Blond mit seinem weissen Kübel, den Suter
fast schon zärtlich „small white
cube“ nennt, die Spitzen rauf und runter.
Marks Blond rennt nicht nur nach Polen, Marks Blond rennt an der Cart Kunstmesse in Zürich, macht Art Exchange in Mazedonien
mit dem Federal Departement of Foreign Affairs, sie hüllen den White
Space Zürich zum Dark Room und sind am Betonsalon in Paris eingeladen. Unter
anderem, denn Marks Blond bewegt einiges. Dass sich der horrende Rhythmus noch
beschleunigen lässt, bewies das Projekt vor kurzem in Zürich: In zwei
Ausstellungsräumen bot das Kollektiv mit täglich wechselnden Ausstellungen,
Performances und Filmvorführungen einen Einblick in seine kuratorische Praxis.
Offener Kübel - Das noch immer hohe Tempo welches die Berner ihrem
weissen Kübel in Bern abverlangen, kann auf Unverständnis stossen… Wer hat denn
schon Zeit sich all die Ausstellungen anzuschauen lautet die Kritik, wer soll
bei dieser Masse an Kunst noch Qualität erkennen? Suter
sieht das ein bisschen gelassener: „Der „small white cube“ steht im Raum, in der
Nachbarschaft. Er ist absolut öffentlich. Jeder der hier vorbeikommt kann Teil
werden, kann reinschauen, kann sich dazu Gedanken machen. Die Qualität steht
immer auch im Zusammenhang und Wissensstand des Betrachters. Manche sehen hier
nichts, andere sehen hier alles. Was wir zeigen sind Möglichkeiten und
Situationen, und die sind endlos weit gefächert. Der Schaukasten öffnet die
Sicht nach Aussen, aber auch nach Innen und stellt so die Kunst in einen
sozialen Kontext.“ Ideen und Künstler werden den Blond Machern auch in ihrem
rasanten Tempo wohl nicht ausgehen. In den rund 40 Ausstellungen zeigte das
Kollektiv eine eindrucksvolle Breite spannendster moderner Künstler aus Israel,
Deutschland, Frankreich, aus den USA, Österreich und natürlich aus Zürich und
Bern. Es ist Ziel von Marks Blond, dass die Zusammenarbeit sowohl mit
örtlichen, als auch überregionalen und internationalen Kunstschaffenden
angestrebt und umgesetzt wird. Dies haben sie sicher erreicht.
Vielleicht ist dies der Trick am Drill mit dem Tempo. Gift mit Gift zu
bekämpfen. Vielleicht gibt uns Marks Blond einige Spiegel mit an der Ecke, beim
alten Kiosk im Uni Quartier, dann, wenn wir vorbei rennen und aus dem
Augenwinkel merken, dass da etwas anderes steht, etwas das nicht in unser
tägliches Konzept passt. Manchmal sind dies die Augenblicke die bewegen, die
kommunizieren und am leben Teil haben lassen.
Dieser Artikel erschien zum ersten mal im Berner ensuite kulturmagazin
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