©Stephan Fuchs
journalismus – nachrichten von heute
Er
der eigenwillige, aus aristokratischer Familie stammende Graf Giacinto Scelsi
(1905- 1988) war wohl Zeit seines Lebens nicht einzuordnen: Der Komponist,
Mystiker, Verrückter, Sphärenwanderer, der mit tibetanischen Mönchen betende
und mit den berühmtesten Malern, Dichtern und Musikern befreundete Scelsi
bleibt biographisch unerfassbar. Konsequent widersetzte sich der Ligurer aus La
Spezia den Klischees seines Berufsstandes. Er war gewiss keiner der sich groß
um das Publikum zu kümmern brauchte, keiner, der sich anzubiedern gedachte. Der
Graf war ein wohlhabender Querdenker. Seine eigene Person stellte Scelsi
demonstrativ in den Hintergrund, um sich kompromisslos seinen musikalischen
Abenteuern und Gedanken zu widmen. Hätte Scelsi diese Freiheit nicht gehabt, er
wäre wohl durch den äußerlichen Druck oder die erzwungene Kastration seiner
unerhörten Improvisationsgabe zerbrochen. Er war besessen - besessen vom Klang
und den daraus entstehenden mikrotonalen Veränderungen, seinen physikalischen
Interaktionen. „Denn…“ so Scelsi, „…in Wahrheit ist der Ton sphärisch!“ Oder
ist die Musik des eigenwilligen Komponisten Giacinto Scelsi einfach nur
wertlos, verdient sie eigentlich gar keiner Beachtung, wie einer seiner
italienischen Kollegen nach Scelsis Tod 1988 meinte? Scelsi wäre deshalb wohl
kaum erschüttert gewesen, denn er verstand sich nie als Komponist in diesem
Sinne, sondern vielmehr als Übermittler. Er empfing seine Werke auf dem Weg der
Improvisation. Ein Jahr vor seinem Tod erst, erlebte der Greis 1987 den
triumphalen Erfolg seiner Orchesterwerke in Köln.
Zu Ehren seines einhundertsten Geburtstages am kommenden 10. Januar, spielt die
basel sinfonietta am 11. Januar in der Dampfzentrale fast alle großen
Orchesterwerke aus Scelsis reifer Schaffensperiode aus den 1960er Jahren. Eine
seltene Hommage an den brisanten Grafen, wahrlich ein Geburtstagsgeschenk.
Auch Geburtstag, den fünfundzwanzigsten, feiert das zelebrierende Orchester,
die basel sinfonietta. Aber, weit gefehlt, ohne Geburtstagsgeschenk: An der
Basler Volksabstimmung vom 26. September 2004, strich die eiserne Sparfaust der
Schweizerischen Volks Partei SVP Basel-Landschaft und ein grotesker Kantönligeist
dem international renommierten Orchester die Subventionen. Mit wüster Polemik,
die zum Teil im Reich dreister Geschmacklosigkeit gipfelte und einer
wirtschaftlich erstaunlichen Kurzsichtigkeit, offenbarten sich die SVP
Politiker, die ihrer Basler Kultur keine wohlwollende Beachtung schenkt. Das
„Komitee gegen Luxus-Subventionen“ eliminiert vielleicht sogar ein Stück
Schweizer Kultur, denn die basel sinfonietta ist ein Exportschlager und
begeistert durch ihre Eigenart auch ein junges Publikum. Die Zukunft für das
Orchester mit seinen 90 Musikern ist nun ungewiss. Die basel sinfonietta hätte
vom Kanton Basel-Landschaft für die Jahre 2004 – 2006 jährlich einen Betrag in
Höhe von CHF 650.000,- erhalten sollen, womit die mittelfristige Zukunft des 90-köpfigen
Orchesters gesichert gewesen wäre. Diese ist nun, da der Subventionsvertrag mit
dem Kanton Basel-Stadt Ende 2005 (jährlicher Beitrag CHF 305.000,-) auslaufen
wird, aufs äußerste gefährdet und die Existenz des Orchesters ist nun, im
25-jährigen Jubiläum ernsthaft in Frage gestellt.
Doch die Musikerinnen und Musiker des Vereins basel sinfonietta stehen
geschlossen für die Zukunft des Klangkörpers: Innovation, Programmwitz und das
engagierte Musizieren sowie ein privatwirtschaftlicher Eigenfinanzierungsgrad
von 2/3 des Budgets sind weltweit einmalig und kommen Basel und der ganzen
Region zu Gute. Seit 25 Jahren bringt es die basel sinfonietta mit Bravour und
oft in kürzester Zeit fertig, vielschichtige und begeisternde Projekte
zusammenzustellen. Zur Aufführung gelangen bekannte aber auch unbekannte
moderne und klassische Werke, die untereinander oder mit Musik aus den
Bereichen Jazz, Performance oder Chorgesang gekonnt verbunden werden.
Dieser international renommierte Klangkörper ist in der Tat einmalig: Die
Musiker, allesamt Profis, arbeiten mit Herzblut und höchster Qualität für das
eigensinnige Orchester. Für unglaublich bescheidene Honorare, tief unter dem
Schnitt jedes anderen Musikers in klassischen Orchestern, realisieren sie
Projekte und Musikerlebnisse, die so in der Schweiz einzigartig sind. Geld
müssen die Musiker in den Musikschulen verdienen.
Die Erfolge der Konzerte der letzten Jahre und die stetig steigenden
Abonnentenzahlen lassen dem Orchester keine andere Wahl als weiterzumachen. Nur
die Weiterführung des qualitativ hoch stehenden Programms sichert das Prestige
und die Anerkennung und damit die Zukunft der basel sinfonietta. Im
Zusammenhang mit der in den letzten Jahren vorangetriebenen
Professionalisierung des Orchesters verfügt die sinfonietta, die 1980 als
Alternative zum konventionellen Orchesterbetrieb aus der Taufe gehoben worden
war, mittlerweile über einen vollamtlichen Geschäftsführer und zwei weitere
Personen, die für die Öffentlichkeitsarbeit und die Konzertorganisation besorgt
sind. Der Ausbau der Managementkapazitäten hat nicht nur zu höheren Kosten,
sondern auch zu einer besseren Vermarktung des Ensembles und zu einer
Verdreifachung der Sponsoring-Einnahmen geführt. Längst ist die basel
sinfonietta weit über die Kantons- und Landesgrenze heraus berühmt geworden,
bewirbt durch ihre Arbeit die beiden Halbkantone von Basel und bringt damit
rückwirkende Gelder. Nicht nur dies, sie sichert den Jugendlichen eine profunde
musikalische Ausbildung an den Musikschulen durch die MusikerInnen der basel
sinfonietta - doch das überstieg wohl die Weitsicht des SVP dominierten
Komitees.
Gut möglich, dass die basel sinfonietta bei anderen Kantonen, oder als
schweizerische Eigenart gar beim Bund Asyl erhalten könnte. Verdient hätte es
das Orchester zweifellos. Einblicke in die Bedeutsamkeit des Orchester und in
die Schaffenswelt Scelsis, unter anderem mit seinem Stück Phat, dem jüngsten
und kürzesten von Scelsis Orchesterwerken zeigen sie am 11. Januar in der
Dampfzentrale. Der Himmel über Bern möge sich öffnen.
So unverbunden ist Bern der basel sinfonietta nicht, denn sie bringt ein
Wiedersehen mit dem Berner Dirigenten und Komponisten Jürg Wyttenbach. Als
Dirigent hat Wyttenbach über 100 Werke zeitgenössischer Komponistinnen und
Komponisten, die meisten in Ur- oder Erstaufführungen mit den großen Orchestern
Europas aufgeführt, unter anderem die Uraufführung von Scelsis Phat im Jahre
1986, zwei Jahre vor Scelsis Tod. Für die Einspielung des Gesamtwerkes von
Giacinto Scelsi für Chor und Orchester erhielt Wyttenbach die Auszeichnung des
„Grand Prix du Disque“ und der Preis der deutschen Schallplattenkritik. Er
konzertierte u.a. mit der Dresdener Philharmonie und dem Sinfonieorchester
Krakau. Auch die Solistin, Bettina Boller, ist Bernerin. Sie hat sich als
eigenwillige und ausdrucksstarke Violinistin einen Namen gemacht und die Werke
schweizerischer Komponisten zu internationaler Beachtung geführt. Bettina Boller,
bekannt auch als Gastgeberin in der Kultursendung des Schweizer Fernsehens „Sternstunde
Religion, Philosophie und Kunst“, spielte als Solistin an der Carnegie Hall in
New York, konzertierte die meisten europäischen Länder und brillierte als
Solistin in preisgekrönten Musikvisualisierungen. Unterstützt wird die basel
sinfonietta durch die Chöre des Gymnasiums Neufeld Bern und des Gymnasiums
Liestal.
Die basel sinfonietta sind Musiker, die mit Herzblut die Geschichte großer
Meister weitertragen. Ganz im Sinne des mystic Scelsi, der sich zeitlebens den
berauschenden Erfolgen und dem Ruhm verschloss, sich aber der Musik öffnete und
sich ins Innerste, in das Herz des Klanges drängte: „Wissen sie, ich liebe die
Verrückten. Geben sie sich ein bißchen Mühe!“ Bern wäre stolz auf ein Orchester
wie die basel sinfonietta und gewiss, die basel sinfonietta sind Verrückte.
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