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Die Reisen des Herrn Tempora
Der Kokosdrink war bereit. Herr Tempora schob die Machete, mit der er die Nuss trinkfertig aufbereitet hatte, beiseite und angelte mit den Lippen nach dem Trinkröhrchen. Als er es fand, schloss er die Augen und sog genießerisch die tropischen Düfte ein, die ihn umgaben, lauschte dem Rascheln der Palmwedel im leichten Sommerwind und dem Rauschen des Meeres in der Lagune. Dann trank er. Etwas zuviel Rum, stellte er fest und erwog, noch Limonensaft nachzugießen. Ach was. Er lehnte sich zufrieden im Liegestuhl zurück. Es war nur einmal im Jahr Urlaub.Zumal ein solcher. Herr Tempora hatte die Reise lange und gründlich vorbereitet, als erfahrener Globetrotter ließ er natürlich auch dem Zufall seine Existenzberechtigung, er hatte dessen Herrschaft nur etwas - nun sagen wir - beschränkt. Das Wetter war jedenfalls phantastisch. Herr Tempora dachte nach. Morgen würde er eine Wanderung zu den Wasserfällen unternehmen, für die diese karibische Insel weltberühmt war. Zu klären war nur noch, zu welcher Zeit er aufbrechen sollte, um den unsäglichen Touristenhorden zu entgehen. Nicht, dass diese ihm Sorgen bereitet hätten, Herr Tempora war zu erfahren als Reisender, um sich inmitten von schwitzenden, rotgebrannten und kameraschwenkenden Fastfoodbäuchen auf ausgetretenden Wegen von einer überteuerten Imbissbude zur anderen zu bewegen, nein. Der Wasserfall, der morgen sein Ziel sein würde, lag tief versteckt im Dschungel und war nur den Einheimischen bekannt, die ihm magische Kräfte zuschrieben. Nur auf den ersten Kilometern würde er nicht allein sein. Ich muss die Machete noch schärfen, dachte Herr Tempora. Dann gab er sich einem sanften Schlummer hin. Der Abend sah Herrn Tempora wieder bei einer anregenden Beschäftigung, nämlich dem Grillen. Der Rückweg vom Wasserfall war anstrengend gewesen und so hatte er noch einen Abstecher zu den braunhäutigen Kindern gemacht, die den ganzen Tag auf winzigen Booten in der Lagune herumpaddelten und ihre Fertigkeiten beim Fischen erprobten. Einige der aufgeweckteren Jungs boten schon recht anständige Beute zum Kauf an und Herr Tempora hatte sich für einige Muscheln und einen mittelgroßen Red Snapper entschieden, der nun seine gesamte Aufmerksamkeit erforderte. Schließlich sollte ja nichts verbrennen und die einheimischen Gewürze wollten wohl dosiert sein. Herr Tempora lächelte glücklich. In die untergehende Sonne blinzelnd, saß er zufrieden an seinem Tisch und schob das abgenagte Fischgerippe von sich. Wundervoll. Nun der Sundowner. Wie wäre es mit einem Mochito aus frischen Minzblättern? Die Fliege drückte ein wenig. Nach einem weiteren sorglos verbrachten Tag hatte Herr Tempora das Bedürfnis nach etwas Aufregung empfunden, nach tropennächtlicher Aufregung. Also stand für die heutige Nacht der Besuch der einheimischen Spielbank auf dem Programm. Nur gut, dass er seinen Smoking auf Reisen immer mitführte. Sich mit einem gemieteten Protzgefährt auf der Insel herumzutreiben, verabscheute Herr Tempora. Ebenfalls hegte er eine Abneigung gegen die schmuddeligen Taxis hierzulande. Er pflegte zu Fuß zu gehen. Das große Portal des Kasinos umging er ebenfalls. Der unauffällige Garteneingang war ihm gerade recht. "Good evening, nice to see you", grüßte Herr Tempora in die Runde, aber die Spieler waren viel zu verbissen in ihre Passion, um ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Nun, warum nicht. Ein einsamer Baccarat-Tisch seitlich bot sich an. Als Croupier fungierte eine junge Dame mit dem Teint einer Porzellanpuppe und seltsam hölzernen Bewegungen. Vielleicht war sie noch neu im Geschäft. Herr Tempora witterte seine Chance. Er trat näher. Die Kleine klappte die Puppenaugen auf und sah ihn an, einen leicht furchtsamen Ausdruck in den feinen Zügen. Herr Tempora lächelte. Es würde sicher ein amüsanter Abend werden. Der nächste Morgen fand Herrn Tempora leicht verkatert vor. Die kleine Baccaratpuppe war doch nicht so leicht zu knacken gewesen und schließlich hatte Herr Tempora sein Glück noch beim Roulette versucht und selbstverständlich verloren. Daran war nur dieser verfluchte Whisky schuld, dem sie in diesem Kasino freigebig ausschenkten, um die Spieler bei Laune zu halten. Whisky, mein Gott. Dieses Überallgesöff, mit dem jeder hergelaufene kleine Angestellte seine Weltgewandtheit unter Beweis stellen wollte. Verbrannte Gerste und Kuhweidenwasser, bäh. Herr Tempora wankte zur Hängematte und beschloss, den heutigen Tag auschließlich leicht schaukelnd zu verbringen. Die Schaukelei hörte nicht auf. Herr Tempora erhob sich ruckartig aus seinem Bett, in das er schließlich doch noch gefunden hatte. Das Schiff bewegte sich. Sie waren auf hoher See! Er beschloss, an Deck zu gehen. Die leichte Brise der letzten entspannten Tage hatte sich in einen ausgemachten Sturm verwandelt, einen Hurrican womöglich. Herr Tempora vermochte die wirbelnden Wolken nicht zu deuten, aber die schnell wechselnde Windrichtung schien ihm kein gutes Omen. Er machte kehrt und suchte im Kabinenschrank nach seinem Südwester und der Regenjacke. Mochte das alte Kleidungsstück auch lächerlich auf die anderen Passagiere wirken, der Friesennerz war in stürmischen Zeiten immer noch das bewährteste Mittel, um auch schlechtem Wetter gute Seiten abzugewinnen. Wie der Sturm die Büsche zauste, welch bizarre Formen er immer wieder neu aus den Wolken zu formen vermochte! Und glich gleißender Blitz und krachender Donner nicht den Schlachten der Götter? Herr Tempora stand tief atmend im Freien und war entschlossen, auch einen Hurrican zu genießen. Der Sturm währte zwei Tage und zwei Nächte und Herr Tempora kam nicht umhin, seine kleine Strandhütte zu vermissen, die die Wetter sicherlich fortgerissen hatten. Die Kokospalmen trugen bestimmt auch keine Früchte mehr und was mochte aus der Bourgainvillea geworden sein, der er liebevoll so manches Wasserglas gebracht hatte? Herr Tempora stand vor seinem Deckstuhl aus Teakholz und überlegte, ob ein leichtes Plaid gegen die durch den Sturm aufgekommene Kälte genügen würde. Er richtete sorgenvolle Blicke zum immer noch grauverhangenen Himmel, als es hinter ihm klingelte. Herr Tempora erstarrte für einen Moment. Das Telefon klingelte äußerst selten. Ob es der Kapitän war mit einer erneuten Sturmwarnung? Vielleicht waren Eisberge voraus? Herr Tempora machte auf seltsam steife Weise kehrt und ging zu seinem Schreibtisch, auf dem das Handy lag. "Ja?" "Tempora, sind Sieīs, alter Knabe?" Die Stimme war barsch und herrisch, die lockere Anfrage vermochte kaum, ihr einen Anflug von Leutseligkeit zu verleihen. "Ich hab hier jede Menge Kunden, die treten mir die Bude ein mit ihren Forderungen. Sie sind doch im Lande, nehme ich an, oder?" Herrn Temporas Hand zittert leicht. Er atmet tief ein und tief aus, in den Bauch hinein, so wie es ihn dieser alte Chinese...nein, so wie es in diesem homöopatischen Ratgeber steht, den er im Buchladen am Markt gekauft hat. Herr Tempora weiß, dass es für dieses Mal zu Ende ist. "Versicherungsfälle?", fragt er geschäftsmäßig ruhig. "Der Sturm letzte Nacht"? "Letzte Nacht? Tempora, wo leben sie denn wieder, hä? Dieser Orkan hat das halbe Land in Trümmer gelegt, es gab keine Wetterwarnung, gar nichts! Aber massenhaft abgedeckte Dächer und zertrümmerte Autos gibtīs! Sie müssen unbedingt hier aufkreuzen, wir brauchen jeden Mann, auch die Aushilfskräfte! Verstehen Sie mich? Sofort, wennīs genehm ist! Sie kriegenīs natürlich bezahlt und īne Prämie und ihre drei Tage könnīse ja dann hinten dran hängen! Verstanden?! Sind sie noch dran?" "Ja. Natürlich." Herr Tempora ist noch dran. Herr Tempora ist immer pflichtbewusst. Auch als teilzeitbeschäftigter Mitarbeiter der Versicherung. In einem Büro mit Blick auf andere Büros. Und auf ein winziges Stück Himmel. "Ich komme sofort. Ich räume nur noch auf." "Sie machen was?! Hatīs Ihnen etwa auch den Garten zermatscht? Die schönen kleinen Pälmchen und die Blütenbüschchen? Ihre Wurzelhütte steht doch wohl noch, oder? Menschenskinder, Tempora! Setzen Sieīs auf die Rechnung, aber kommen sie sofort her! Hier platzt gerade der Mond, mein Lieber!" Das Krachen im Telefon kann auch einem fernen Donner entstammen, die Stadt liegt um einiges entfernt. Herr Tempora mustert die Microtechnik in seiner Hand wie eine widerliche Ratte, die er gerade gefangen hat. Er merkt nicht, dass er immer fester zudrückt. Das Gerät knackt leise, hält aber stand. Herr Tempora entspannt sich. Es ist nicht viel zu tun. Die Hängematte im Garten ist ohnehin nass, der Grill ist gemauert und dem Deckstuhl macht das Wetter nichts aus. Die Palmen und die Bourgainvillea sind unversehrt, die hohen Hecken um den Garten haben das Ärgste ferngehalten. Den Baccarat-Tisch und die Porzellanpuppen wird er später aus dem Zimmer räumen. Die CD mit dem Meeresrauschen kann im Player bleiben. Und beim Wasserfall genügt es, die Pumpe abzuschalten. Herr Tempora muss andere Dinge aufräumen. Er muss seine Träume retten. |