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Table-Fight
„Wir verneigen uns vor Großmeister Yip Man…Großmeister Leung Ting…Großmeister Keith Kernspecht…voreinander…“
Nach jedem Namen knickt Jerry leicht in der Hüfte ein, die zum Gruß gefalteten Hände in Brusthöhe vorgestreckt. Wir verneigen uns pflichtschuldigst ebenfalls, aber mehr vor ihm als vor den Fotos an der Wand. Wir achten Jerry, der sieben Tage die Woche nichts anderes als Kampfkunst macht und das Dojo selbst aufgebaut hat. Die anderen kennen wir kaum.
„Wir haben eine neue Mitschülerin.“ Jerry verliert nie viele Worte. Seine einzigen Themen sind Wing Tsung und Rottweiler. Von ersterem lebt er, die anderen liebt er wie Kinder. Das asiatische Mädchen neben ihm sieht fast wie eines aus.
„Das ist Lin“, sagt Jerry. „Sie kommt aus London und ist nur ein paar Wochen in der Stadt. Sie spricht nur chinesisch und englisch, also gebt euch ein bisschen Mühe.“ Ein paar Dumpfköpfe lachen und ich sehe, wie die Kleine zusammenzuckt. Es ist ihr sichtlich unangenehm, im Kreuzfeuer unserer Blicke zu stehen.
Sie trägt schwarz von Kopf bis Fuß, die schulterlangen Haare wie Tinte und so geschnitten, dass sie alles Licht aus ihrem Gesicht nehmen, wenn sie den Kopf auch nur ein wenig senkt. Alles andere an ihr ist grober Baumwollstoff, die dünnsohligen Schuhe, die Hose und die hochgeschlossene Mao-Jacke. Der rote Gürtel mit rechts herabbaumelnden Enden könnte Seide sein. Zwei winzige rotgestickte Schriftzeichen am Jackensaum sind ihr einziger Schmuck, davor hält sie die Hände verschränkt. Vielleicht einsfünfundfünfzig ist sie klein und zierlich wie ein Püppchen.
Jerry winkt sie in die Gruppe und beginnt mit der Siu-Nim-Tau, der „Kleine-Idee-Form“, der grundlegenden Bewegungslehre im Wing Tsung. Wir üben vor einer Spiegelwand wie beim Ballett, damit wir unsere Fehler erkennen. Natürlich korrigiert Jerry zusätzlich.
Im Spiegel kann ich Lin deutlich sehen. Sie hat sich einen Platz an der Fensterfront gesucht, hält den Kopf immer noch gesenkt und hat ihren eigenen Rhythmus, gleitet mühelos von einer Bewegung zur nächsten. Nach einer Weile scheint Jerry mehr ihr zu folgen als sie ihm, den Umstehenden geht es nicht anders. Eine seltsam gespannte Atmosphäre breitet sich aus.
Wing Tsung ist eine Kampfkunst, kein Sport und deshalb gibt es auch keine Regeln. Ausgehend von der Tatsache, dass die normale menschliche Anatomie nur begrenzte Möglichkeiten bietet, haben die Erfahrungen der Kämpfer über Jahrhunderte hinweg lediglich bestimmte Bewegungsformen entwickelt, die funktionieren. Deshalb ähneln sich die meisten echten Kampfkünste. Keine meterhohen Sprünge, keine spektakulären Tritte zum Kopf. Das ist Hollywood. Gleichgewicht ist wichtiger. Ich muss ran an den Gegner, muss seinen Angriff zu meinem machen, muss, egal wohin, hauen, treten, stoßen und schlagen, bis die einzige Regel erfüllt ist, die alles eint und die ganz einfach ist. Wer zuletzt noch steht, hat gewonnen.
Ein echter Kampf dauert nie lange.
Und deshalb gehen wir so nahe heran, dass wir den anderen schmecken können. Manche nennen das „Telefonzellen-Kung-Fu.“, weil zwei Leute auch in einer solchen trainieren könnten. Und sie lachen, weil es aussieht wie ein Affentanz.
Nach sechs Durchläufen beginnt Jerry mit den Partnerübungen. Mir fällt ein, dass ich mein Suspensorium vergessen habe, deshalb suche ich mir einen von den Anfängern aus, der wird mich nicht treten. Ich packe mir den kleinsten und fange an.
Die Grundlagen für sich selbst zu beherrschen, ist gut und schön und taugt praktisch nichts. Die Anwendung lernt man erst am lebenden Objekt, einer greift spielerisch an, der andere wehrt ab und umgekehrt. Eine spezielle Form dieser Übungen nennt man „Chi-Sao“.
Sao ist das chinesische Wort für „Hand“. Die Zusätze bezeichnen die Handstellung, das Bild, das die Bewegung zeigt.
Wenn man direkt am Feind arbeitet, nützt einem das Auge nicht viel. Die Schrecksekunde ist eine feste Größe und so könnte ein entschlossener Rentner einem Weltklasseboxer durchaus die Nase brechen, wenn er nahe genug dran ist, zumal es dazu nicht mehr als fünfhundert Gramm Druck braucht. Wenn ich aber meine Hand auf deinem Arm habe, weiß ich instinktiv immer, wo deine Faust ist und kann deinem Druck ausweichen. Deinen Angriff stoppen. Oder ihn umgehen und selbst angreifen. Niemals Kraft gegen Kraft und meine Hände an dir, so lange ich dich erreichen kann. Man nennt das "klebende Hände". Chi-Sao.
Mein Partner ist unsicher und macht viele Fehler, die ich in Ruhe korrigiere. Dass er auch Füße zum treten hat, vergisst er völlig, was mir nur recht ist, viel Lust habe ich nicht heute. Ich verrenke mir den Hals nach Lin, aber sie ist in einem Pulk von Supermännern verschwunden, die lautstark ihr englisch an ihr ausprobieren.
„Schluss jetzt, aufhören!“ Jerry ist stinksauer. „Ich hab´s euch hundertmal gesagt, ihr sollt nicht hampeln, ihr sollt Druck ausüben. Vorwärtsdruck. Ihr seht aus wie ein Schwuchelballett.“
Hinter mir poltert etwas und dann sehe ich, wie zwei Hilfstrainer Jerrys Esstisch hereinschleppen, ein selbstgezimmertes Teil von anderthalb mal drei Metern. Jerry hat die ganze Fabriketage gemietet und seine Behausung ist gleich nebenan.
„Ach du Scheiße“, höre ich. „Table fighting.“ Mir wird ein wenig mulmig im Bauch. Eigentlich ist das ein Spiel der höheren Grade.
Die Idee ist, dass zwei da oben kämpfen sollen. Nicht bis zum K.O., es genügt, wenn man sich unter Anwendung aller erlernten Techniken auf der Platte behauptet. Viel Platz ist da nicht. Und Matten gibt es hier keine.
Jerry winkt die ersten hinauf. Nun soll also Angriffsdruck entstehen, den der Angegriffene umgehen und kontern muss, denn zurück geht kaum. Aber letztendlich wird es doch nur eine Rummelschubserei und schließlich bleibt die pure Masse übrig.
Ich habe seinen Namen mal gehört und sofort vergessen. Ein hauptberuflicher Türbüffel von einsfünfundneunzig, der in seinem bisherigen Berufsleben nicht viel mehr tun musste als böse aus der Lederjacke zu glotzen. Er macht zusätzlich Kraftsport, wahrscheinlich als Ausrede für die vier Steaks, die er täglich wegjappt. Nach dreimal Schubsen steht der Riese allein auf der Tischplatte und grinst in die Runde. Keine Gegner mehr im Raum.
Plötzlich flattert etwas hinter ihm hinauf. Er dreht sich um, tritt seinen einzigen Schritt zurück und starrt wie wir alle auf den gesenkten Kopf und die tiefschwarzen Haare, die wie ein Helm ihr Gesicht verschatten. Lin.
Der Dicke zögert und Lin geht seelenruhig in Stellung. Sie steht mit den Fersen an der Tischkante, schiebt jetzt den rechten Fuß vor, verlagert das Gewicht nach hinten. Die weiten Ärmel ihrer Jacke gleiten zurück, als sie die Hände in Richtung ihres Gegners hebt.
Der brummelt etwas, schließlich setzt er sich in Bewegung, streckt die Arme aus und berührt Lins ausgestreckte man-sao, schiebt sie beiseite. Offenbar hat er einen einfachen Handballenstoß gegen ihr Brustbein vor.
Lin lenkt den Arm ab, aber der Dicke will unbedingt zu ihrer Körpermitte und erhöht den Druck. Lins jam-sao hält einen Lidschlag lang dagegen, dann, im gleichen Moment, als der Büffel sie einfach über den Haufen rennen will, wechselt sie blitzartig sämtliche Kraftrichtungen, packt seinen Arm und übt im Ausweichen noch Zug aus. Der Hieb in die Niere ist nur noch eine Formsache, dann kippt der Türsteher über die Tischkante und kracht auf´s Parkett.
Schweigen im Saal. Dann erhebt sich ungläubiges Gemurmel. Gemessen an dem niveaulosen Gerangel vorher war Lins Vorstellung reinstes Kino.
Die Hilfstrainer haben sich bisher nicht beteiligt, jetzt springt aus dem Kreis der Erlauchten der nächste Gegner auf den Tisch. Auch seinen Namen habe ich verdrängt, ich weiß nur, dass er zu einem der Festnahme-Teams der Polizei gehört, die bei Demos und Randalen in die Menge brechen und die Chefkrawaller persönlich haftbar machen. Die Bullen mit den Teleskopschlagstöcken und den Panzerhandschuhen. Die wilde Horde.
Auch er ist übergroß, aber schlank und drahtig in seinem weißen Karate-Gi. Und er tritt wie ein Kamel, was Lin nicht wissen kann.
„Watch out. He kicked.“
BummWumm. Man hört deutlich, dass der Lange dicke Schienbeinschützer trägt, als Lin seine Tritte mit kurzen Fußstößen schon im Ansatz stoppt. Gewitzt durch diese Erfahrung und weil er aus dem Karate kommt, setzt er den nächsten Angriff als seitlichen Rundtritt an, wuchtig und vernichtend soll er die winzige Chinesin von der Platte putzen. Wir sehen an seinem Gehabe, was er vorhat und ein Stöhnen geht durch den Raum.
Lin steht breitbeinig an der Tischkante. Sie muss gesehen haben, was wir sehen, aber sie greift nicht an. Dabei wäre ein hineingehen in seinen Tritt die einzige Möglichkeit und so haben wir es gelernt.
Lin tut nichts. Der Tritt kommt und sie knickt in der Hüfte nach hinten, biegt sich so weit über den Rand, dass ihr Oberkörper fast waagerecht liegt und der anfliegende Fuß saust über sie hinweg. Der Lange taumelt, er hat mit einem Block gerechnet und nun Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Dabei kommt er leicht rücklings zu Lin zum Stehen. Noch während er sich sammelt, macht Lin einen kleinen Sprung und der Trittkünstler fliegt vom Tisch.
Er fliegt tatsächlich fast zwei Meter weit, bevor er zu Boden geht und einige Leute mit sich reißt. Es gibt ein kleines Durcheinander, alle Blicke wenden sich ab und einige Herzschläge lang ist Lin unglaublich allein da oben. Sie steht wie eine Statue, das linke Bein angezogen, das Knie fast unter dem Kinn, beide Arme seitwärts ausgestreckt, in perfektem Gleichgewicht. Langsam setzt sie das Bein ab und faltet die Hände vor der Brust. Noch nie habe ich so viel Eleganz in so wenig Bewegung gesehen. Und einen echten schattenlosen Kick.
Ich gehe einfach los.
Was mich da zieht, weiß ich nicht. Ich denke nicht darüber nach, ich klettere auf die Tischplatte und für ein paar Sekunden sind wir beide völlig allein im Raum und auch als sich die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf den Tisch konzentriert ist es, als wären wir unter einer durchsichtigen Glocke gefangen. Ich spüre Lin vor mir wie einen Teil meiner selbst, auf dessen Vorhandensein man mich gerade aufmerksam gemacht hat und dessen Eigenschaften ich ganz genau kenne und doch kein bisschen. Ich müsste ratlos sein und ängstlich, müsste mich davor fürchten, dass sie mich wegfegt wie meine Vorgänger. Nichts davon. Ich fühle mich ihr nahe, mein Puls klopft im Hals und im Bauch ist eine Leere, die mich fast schwerelos macht, aber das andere ist stärker.
Ich atme tief ein und hebe meine Arme, gleichzeitig tut Lin dasselbe. Unsere Hände berühren sich. Ihre sind kühl und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sie für zerbrechlich halten. Ich trete in ihren Kreis und dann gibt es nur noch sie.
Das übliche Handling. Druck, Gegendruck, Richtungswechsel und noch mal von vorn. Lins Bewegungen sind weich und langsam, den meinen angepasst. Beiläufig packt sie meinen Daumen, den ich vergessen habe, an die Handfläche anzulegen und biegt ihn kurz um, damit ich in Zukunft daran denke. Meine bong-sao- Abwehr ist viel zu flach, Lins Faust rutscht darüber hinweg und dotzt mir auf die Brust. Chinesische Schmerzpädagogik. Wortlos und wirkungsvoll.
Näher heran, noch mehr Druck. Lins Bewegungen werden schneller, präziser, wenn das möglich ist. Ihre huen-sao ist so schnell und eng ausgeführt wie ich es noch nie gesehen habe. Ich finde keine Lücke.
Plötzlich lässt sie die Arme fallen, steht völlig schutzlos da, ein alter Trainertrick, um zu prüfen, ob der Schüler überhaupt nach vorn will. Ich wollte schon, aber sie schlagen? Ich reiße die Fäuste auf und habe auf einmal die flachen Hände auf Lins Brüsten. Ganz weich ist es hier, kein BH. Direkt unter meinem Kinn sind die nachtschwarzen Haare. Sie riechen nach…Lin. Jemand schreit irgendetwas, in meinen Ohren ist nur Rauschen.
Sie schlägt meine Hände fort und greift an, der Doppelfauststoß allein hätte den Kampf beendet, aber sie stoppt ab und ich kann zurückweichen. Es nützt mir nichts, beim nächsten Herzschlag schon ist sie nahe genug für die gefürchteten Ellbogenangriffe. Ein einziger, von einem Experten geführter Hieb dieser Art genügt, um aus einem Gesicht einen Fall für den Wiederherstellungschirurgen zu machen. Lin deutet ihn nur an, zeigt meine Schwächen. Und weicht wieder zurück; den Kopf bei all dem immer noch gesenkt, kehrt sie zurück zu ihrer Tischkante, ohne sich auch nur flüchtig umzusehen und ich weiß jetzt, dass ich einer Meisterin gegenüberstehe.
Ich habe nur eine Technik, mit der ich sie vielleicht überraschen kann, aber dazu muss sie zentral angreifen. Die beste Provokation dafür ist ein Frontalkick.
Mein Tritt ist noch nicht oben, als sie ihn bereits mit ihrem Führungsbein abfängt, das die ganze Zeit Tuchfühlung mit meinem Fußgelenk hatte, ohne dass ich das mitbekam. Lin macht einen Kniestoß aus ihrer Abwehr, der meinen Oberschenkel schmerzprickelnd zurücklässt und nutzt den Schwung für einen Vorwärtsschritt aus, dem der unvermeidliche zentrale Fauststoß folgen muss, auf den ich warte. Es klappt.
Pak-sao-tan-sao-Kombination, Stoß und halbe Drehung und ich habe den linken Unterarm mit einer guten wu-sao als Sicherung an ihrer Kehle. Mein Bauch drückt gegen ihren Rücken, für die linke Ellbogenabwehr bin ich zu nah, den rechten blockiere ich. Einen Moment lang hat sie versucht, meiner Falle zu entgehen, die Drehung weiter zu führen, sich herauszuwinden, ihr geschmeidiger Körper reibt an meinem. Und eigentlich müsste ihr meine Erektion jetzt das Kreuz brechen.
Lin steht still, sie wartet auf die Fortsetzung meines Angriffs, den Griffwechsel zu Kinn und Hinterkopf, gleichzeitig der Tritt in die Kniekehle, damit ihr fallendes Gewicht das Brechen der Halswirbel unterstützt. Aber ich kann mich nicht bewegen. Ich halte sie einfach nur fest, fühle ihren hämmernden Puls und das Heben und Senken ihres Brustkorbes unter meinem Arm, rieche ihren Duft, der aus der Jacke zu mir hochsteigt, fühle den Hauch ihres Haares an der Wange. Und kann nichts anderes tun als sie an mich zu drücken.
Lin rührt sich leise, versucht nun doch vorsichtig die Ellbogenabwehr, danach tippt ihre rechte Ferse auf meinen Fußspann, an Schienbein und Knie, damit andeutend, wo sie überall Schaden anrichten könnte, sollte ich noch länger zögern. Aber ich kann nicht anders, ich kann sie nicht loslassen, sonst stehe ich in meiner dünnen, bauschigen Hose ohne Tiefschutz hier oben wie der dreifach Gehörnte. Ich habe Angst davor und gleichzeitig ist es mir egal und eigentlich ist es ja das, was ich von Anfang an wollte. Lin. Hautnah. Nun weiß ich das und viel mehr eigentlich nicht.
Plötzlich entspannt sie sich. Ihr Kopf sinkt nach hinten auf meine Schulter, sie bietet mir die Kehle und meine Hand dort muss nicht mehr festhalten, sondern wird weich und könnte streicheln. Lins Hände sinken langsam an den Seiten herab, berühren meine Beine, jagen Stromstöße hindurch. Sie bewegt kaum wahrnehmbar die Hüften. Und krallt die Hand in meinen Oberschenkel.
Sofort bin ich außer Kontrolle. Ein Rest Beherrschung lässt mich die Knie durchdrücken, alles andere vibriert, stöhnt, zuckt, springt, schwebt, fliegt, fliegt, fliegt und dann knalle ich auf den Boden und Lin auf mich drauf. Sie hat uns beide mit einem entschlossenen Tritt vom Tisch geworfen.
Beim Aufprall knackt etwas in mir und Schmerz schießt wie eine weißglühende Degenspitze durch meine Brust, aber das ist nichts gegen das Gefühl des Verlustes, als Lin geschickt von mir herunterrollt. Ich kriege keine Luft.
Um uns herum Rufe und Getrappel. Ich bin nicht der erste Unfall hier, das Krankenhaus ist nah und Jerry hat Routine. Schon hockt er neben mir und prüft meinen Schädel.
„All´s okay“, schnaufe ich.
„Gut“, meint Jerry ruhig. „Ich hab da was knacken gehört. Bleib am besten einfach liegen.“
Ich antworte nicht, weil Lin wieder da ist. Sie zieht ihre Jacke aus und ich sehe ihren flachen, muskulösen Bauch und dass sie tatsächlich keinen BH trägt, sondern ein eng gewickeltes Tuch, das ihre Brüste unsichtbar machen soll. Der Stoff hat keine Chance.
Meine Schulter wird angehoben und die zusammengerollte Jacke darunter gestopft. Der Schmerz im Brustkorb lässt nach.
„I´m sorry.“ Lin kniet neben mir. Ihre Stimme ist ein gehauchtes Flüstern und sanft wie ihre Hand, die unter mein T-Shirt gleitet. Zart wie Vogelflaum streicht sie über die Rippenbögen und hat schnell die geknickten gefunden. „I didn´t know, what to do.“
" Schscht." Irgendwie habe ich nicht genug Luft zum zischen. "It´s okay. Wo ai ni, hisao Lin. Wo ai ni."
Sie erstarrt. Das war mal so ein Spaß in der Schule. Ich liebe dich in allen Sprachen.
Diesen schicksalhaften Moment benutzen die Rotweißen, um zur Tür hereinzupoltern, sich neben uns niederzulassen und ihre lauten, burschikosen Fragen zu stellen. Lin hat noch eine Sekunde und sie beugt sich über mich, so nahe, dass ihr Haar unsere beiden Gesichter wie ein Vorhang einhüllt und ich zum ersten Mal ihre Augen sehe, zwei lichtblaue Brillanten, die aus Lins feinem asiatischen Gesicht und aus dem ganzen Mädchen ein außerirdisches Kunstwerk machen. Sie kommt noch näher und haucht mir einen Kuss in den Mundwinkel und in diesem Moment weiß ich, dass sie verschwinden wird, dass ich sie nicht wieder sehen, sie aber suchen und nie finden und in jeder Frau vermissen werde, die mir in Zukunft begegnet. Ich habe die Augen geschlossen und als ich sie wieder öffne, ist Lin fort.
„Auf geht´s“, sagen die Sanitöter und packen mich. Lins Jacke bleibt auf dem Parkett zurück und während mich die Retter die Treppen hinunterschleppen, frage ich mich verzweifelt, ob man in der Notaufnahme meine nasse Unterhose bemerken wird und was ich dann sagen soll.
Und ob Lin mir geglaubt hat… |