Rote Schuh

 

 

Schon als sie heranstürmte,  wusste ich, dass sie mich schlagen würde.

Das war so eine, die keine Grenzen kannte und der nie jemand eine auf die Finger gegeben hatte, wenn sie die anderer überschritt. Liebling aller Säuglingsschwestern, Beherrscherin von Opas Schoß und Vatis Brieftasche. Früh daran gewöhnt, Jungs, Kerle und Männer nach Belieben in immer neue Schranken zu weisen.

Ihr fehlte die Kampfkraft der geschulten Feministin, die auch Niederlagen kannte und blanken Hass. Dieses Prinzeßchen hier war gewohnt, zu kriegen, was es wollte. Und wenn es nur ein preisgesenktes Paar Schuhe war.

Ich hatte gesehen, wie sie die Riemchen beäugte, fast an den Sohlen schnüffelte und sich dann einem anderen Tisch zuwandte, die roten Sandaletten achtlos beiseite stellend. Ich suchte solche für meine Tochter, genau diese roten Schuhe und die Größe stand weithin sichtbar auf dem Karton. Und da ich ein Mann bin, ging ich hin und nahm sie und legte sie in den Einkaufswagen.

Sie wandte sich beiläufig um. "Die habe ich mir hingelegt", warf sie herüber, ohne sich die Mühe zu machen, mich anzusehen. In ihrer Linken baumelten zwei weitere Paare, ein dritter Karton war von ihr soeben geöffnet worden.

"Sie sehen doch, dass ich hier aussuche."

Das alles klang nicht einmal böse, höchstens leicht genervt ob der Begriffsstutzigkeit der sie umgebenden Dienerschaft. Dennoch war ihr Ton ein Fehler, zumindest mir gegenüber. Aber das konnte sie nicht wissen. Konnte nicht sehen, wie mein Tag verlaufen war oder mein Leben. Konnte nichts spüren.

Zehn verschiedene Arten von Entgegnungen hätte ich zur Auswahl gehabt, um ihr Weltbild zu lassen, wie es war, aber ich schwieg. Sah sie nur an. Musterte sie eine Sekunde lang von oben bis unten, wiederholte den Vorgang, als sie sich mir zuwandte. Und dann drehte ich um und ging davon. Mit den roten Schuhen.

"Ich habe gesagt, die habe ich mir...also, so eine Unverschämtheit!" Sie kam nicht sofort an mich heran. Zwischen uns stand ein quadratmetergroßer Flachtisch, turmhoch beladen mit Stapeln von Schuhschachteln. Daneben ein weiterer, um uns herum noch mindestens zwanzig dieser rollenden Verkaufsflächen in der Rotstiftabteilung des Kaufhauses. Die Gänge dazwischen waren eng, Verkaufsfläche war teuer. Und auch wenn zurzeit kaum Kunden in dem riesigen Untergeschoss unterwegs waren, brauchte sie doch einige Zeit, um zu mir vorzudringen.

Und noch immer hätte sie nicht angegriffen. Sie war keine zwanzig mehr, ich konnte unmöglich der erste sein, der einen von ihr geäußerten Wunsch nicht erfüllte. Ihn gar verweigerte. Sie hatte bisher nur die Stimme erhoben und sich in Bewegung gesetzt. Es gab in ihrer Angriffstaktik noch einige Steigerungen.

"Bleiben Sie sofort stehen!"

Diesmal folgte ich dem Befehl. Kein Mann hat gern eine solche Frau im Rücken.

Sie warf einen Kartonstapel um, aber das interessierte sie nicht. Es stoppte sie immerhin einen Herzschlag lang und so bekam ich Gelegenheit für einen dritten Blick. Und sie wusste, was ich sah.

Die kunstvoll nachlässig gesträhnten Blondhaare, für die ein ganzer Nachmittag bei Sergio draufgegangen war. Den strammen Busen in der Fendi-Bluse, der mehr gekostet hatte als ich in einem Jahr verdiente. Die Bräune, die die hellen Stellen hinter den Ohren nur noch auffälliger machte. Die kralligen Fingernägel, die Knallenghosen und die pumpsverkrüppelten Zehen in den Gesundheitssandalen streifte ich nur noch beim Blick nach unten.

Noch bevor ich wieder aufsah, hatte sie meinen Gesichtsausdruck analysiert. Frauen verfügen dafür über ausgezeichnete Antennen. Unsere Definitionen von dem, was ich eine Hure nenne, gingen sicher weit auseinander. Aber das Wort erkannte sie. Und das lässt jede Frau aufkreischen.

"Sie unverschämter...!" Ihre Handtasche schwang nach hinten. Sicher eine unbewusste Bewegung, aber immerhin. Sie machte es mir leicht. Kam ohne jede Deckung, ohne jeden Zweifel auf mich zu. Nie hatte jemand ihre Autorität in Frage gestellt, zumindest nicht lange. Ich drückte meine roten Schuhe an mich, ging auf sie zu und trat ihr in den Bauch.

Wenn zwei Körper aufeinander prallen, addieren sich ihre Bewegungsenergien. Sie hob fast ab, als die Spitze meines Bergschuhs unter ihren Brustkorb schlug. Das Röcheln aus ihrem weit aufgerissenen Mund hatte nichts menschliches und da sie sofort zwischen den Kistenstapeln zu Boden ging, fiel niemandem etwas auf. Sie wand sich. Ich trat näher heran. Setzte ihr einen Fuß auf den Hals. Das Röcheln erstarb, ihr ganzer Körper erstarrte wie der eines Tieres, das den Stärkeren anerkennt. Auf den Tod wartet. Ihre Beine zuckten noch.

Befriedigung durchwallte mich wie ein inwändiges Wannenbad. Ich atmete tief, um dem Rausch Herr zu werden. Wer immer auch jetzt auf mich zu gekommen wäre, womit immer er hätte drohen können, ich hätte ihn angesprungen. Mit einem Lächeln.

Sie röchelte nicht mehr, wimmerte nur noch leise, ihren Leib umklammernd. Ein Hieb in den Solarplexus, das Sonnengeflecht, das die Bewegungen des Zwerchfells und damit unsere Atmung steuert, hat immer Todesangst zur Folge, da das Nervenzentrum aufgrund der schockartigen Belastung für einige ekelhafte Sekunden keinem Atembefehl mehr gehorcht. Und angesichts des Todes sind rote Schuhe bedeutungslos.

Für mich waren sie es nicht. Ich hatte meiner Tochter etwas Besonderes zum Geburtstag versprochen und diese Schuhe waren etwas Besonderes. Jetzt sogar für mich.