Die Tochter des Regenmannes.

 

“Ich habe Vertrauen zu ihnen”, sagte der gut gekleidete, grauhaarige Herr. Er räusperte sich verlegen und starrte durch die regenverschleierte Frontscheibe des Taxis in den rauchgrauen Himmel. “Ich würde das wirklich nicht jedem antragen.”

Der junge Fahrer neben ihm sah ihn an und zuckte die Schultern im unerschütterlichen Gleichmut seines Gewerbes. “Was soll daran so schwer sein”, brummte er. “Ein Mädchen abholen und ins Konservatorium fahren? Das mache ich jeden zweiten Tag. Viele von uns haben feste Fuhren. Sie sind ja auch eine.”

“Das hier ist etwas anderes.” Der grauhaarige Herr griff in seinen schweren dunklen Mantel, zog eine fein genarbte Brieftasche aus der Innentasche, klappte sie auf und reichte dem Taxifahrer den üblichen Schein. Der steckte ihn weg und begann die Quittung auszuschreiben, stockte aber beim nächsten Satz seines Fahrgastes.

“Meine Tochter ist blind.”


****


“Sie kommen spät!”

Die herrische Stimme ließ den Taxifahrer überrascht von der Türsprechanlage zurückzucken. Er war sich keiner Schuld bewusst. Genau zur vereinbarten Zeit war sein beigefarbener Mercedes vor der alten Villa an den Bordstein gerollt und er hatte auf die Minute genau die verschnörkelte Messingklingel betätigt. Pünktlichkeit war Ehrensache. Und jetzt dieser...

“Ich bin in zwei Minuten unten. Warten sie im Wagen!”

Na das konnte ja heiter werden. Der junge Mann machte auf dem Absatz kehrt und ging zu seinem Taxi zurück, leichten Unmut im Blick. Wenn diese verwöhnte Schnepfe sich einbildete ihn herumscheuchen zu können, sollte sie ihm gestohlen bleiben. Der Professor war zwar einer seiner ältesten Stammkunden, aber für alles gab es Grenzen.

Die Wagentür krachte ins Schloss, der Fahrer atmete tief durch und musterte die gepflegte Villengegend, aus der das düstere Haus des Professors hervorstach wie ein Penner aus einer Yuppieparty. Uralte Kastanien und Ulmen säumten die Straße und hatten sich im Park der schwarzgrauen Villa gesammelt, als wären sie Wächter, die niemanden unbeschadet hereinlassen würden.Oder hinaus.

Das Haus selbst mochte schön gewesen sein, als die Bäume noch jung waren, sicher hatten sie einst rauschende Gartenfeste und Geburtstagsfeiern beschattet und lachende Kinder waren mit fröhlich bellenden Hunden um die Stämme herum getollt. Jetzt wirkte diese Wohnstatt wie eine seit langem verlassene Raubritterburg, bei der man nie genau wusste, welch finsterem Geist sie jetzt Unterschlupf gewährte. Und wann er zum Vorschein kam.


Die Haustür flog auf und eine junge Frau stürmte den schmutzigen Kiesweg entlang. Bevor der Taxifahrer seine Tür entriegeln konnte, riss sie das schmiedeeiserne Parktor auf und schmetterte es genauso schwungvoll ins Schloss wie zuvor die massive Eingangstür der Villa. Im nächsten Moment hatte sie die Taxitür geöffnet und glitt ohne zu zögern in den Sitz. Das Gurtschloss klickte und sie lehnte sich steif zurück, die Beine fest geschlossen, auf dem Schoß eine hartkantige Collegemappe, in die sie lange, bleiche Finger krallte. Der Taxifahrer schluckte und schloss die Fahrertür wieder. Mein Gott, dachte er. Sie ist doch blind!

 

“Was ist?” Ihr Kopf war herumgeschnellt und sie starrte ihn an. Sie trug keine schwarze Brille und Ihre Augen waren auch nicht tot. Dunkelbraun und lebendig waren sie, mit wütend zusammengezogenen Augenbrauen. Der Blick ging allerdings am Gesicht des Taxifahrers vorbei und verlieh der überschlanken Gestalt etwas rührend hilfloses, obwohl sie vor Wut zu bersten schien. “Fahren wir endlich?”

Seine Routine gewann die Oberhand.

“Klar”, sagte er und zog das Taxi in eine gekonnte Wende. Während der ganzen Fahrt sprach keiner von beiden ein einziges Wort.


****


“Und, wie kommen Sie mit ihr zurecht?”

Die Stimme des alten Mannes klang seltsam gespannt, wohl weil er das Zittern zu unterdrücken versuchte. Das Taxi stand wieder einmal vor der alten Villa und der Professor starrte wieder durch die Windschutzscheibe, die diesmal von Straßenschmutz verkrustet war. Der Taxifahrer zuckte wieder die Schultern.

“Es geht”, sagte er. “Ich hole sie ab, ich bin pünktlich. Sie steigt ein, wir fahren. Ich bin am Nachmittag vor der Musikschule, wir fahren zurück. Das ist alles.”

“Aber sie spricht nicht.” Der alte Mann senkte den Kopf. “Stimmts?”

“Kein Wort.” Der Taxifahrer nickte. “Nicht, das ich´s nicht versucht hätte, aber...” Er sah seinen Fahrgast an. “Ich bin nur der Fahrer.”

“Nein, sie spricht nicht.” Der Professor nickte und sah zur Villa hinüber. “Sie redet kaum mit mir.” Er seufzte leise. “Aber sie spielt wieder.”

Der Taxifahrer sah unauffällig zur Uhr. Zeit hätte er. Und neugierig war er auch. “Was spielt sie”, fragte er.

Der Professor wandte ihm ein erstauntes Gesicht zu.

“Sie ist Pianistin!” Sein Tonfall drückte völlige Überraschung aus. “Sie war die Meisterschülerin in dem Kreis um Professor Zenkner! Der Name ist ihnen doch sicher ein Begriff. Hat sie ihnen denn nie...?”

“Kein Wort, wie gesagt.” Der Taxifahrer bereute seine Frage jetzt. “Und was Herrn Zenkner angeht...Tut mir leid, in diesen Kreisen verkehre ich nicht.”

Der alte Mann senkte den Kopf, dann sah er wieder nach vorn.

“Entschuldigen sie”, murmelte er. “Sie haben natürlich recht. Ich...”

Der Taxifahrer zog eine Zigarette heraus und ließ sich Zeit beim anzünden. Der Mann hier wollte reden. Von ihm aus sollte er. Psychologie des Fahrgastes war eine Grundwissenschaft seines Berufes. Gewiss, es ging auch ohne, aber das schlug sich in der Trinkgeldkasse nieder. Oder direkt auf den eigenen Kopf.


“Das Klavier war ihre Leidenschaft, schon als ganz kleines Mädchen.” Der Professor lächelte schmerzlich, sah aber den Taxifahrer nicht an. “Andere Kinder musste man zum Unterricht zwingen, aber nicht Susan.Stundenlang saß sie davor und lauschte den Tönen nach. Wissen sie, auf einem alten Bechstein klingt auch das Geklimper einer Dreijährigen wie die Glocken Gottes. Später hat sie beim Spielen die Fingerübungen gemacht, auf der Schaukel, im Sandkasten, überall. Sie war immer entweder im Garten oder vor dem Flügel, woanders fand man sie kaum. Wenn sie nicht in den Garten durfte, weil es regnete, war sie mir böse.”

Jetzt war das Lächeln warm und frei und der Professor sah den Taxifahrer an. “Ich bin Meteorologe, müssen sie wissen. Meine Frau hat versucht, der Kleinen zu erklären was ich mache, aber sie hat es wohl nicht richtig verstanden. Sie nannte mich den Regenmann, dachte, ich mache den Regen. Und sie war mir nur ein bisschen böse, wie ein Kind eben so ist. Heute verachtet sie mich.”

Der Fahrer kniff die Augen zusammen und drückte die Zigarette aus. “Hat ihre Frau nicht...

“Meine Frau ist tot.” Der banale Satz klang dumpf und endgültig aus dem Mund des alten Mannes. Der Taxifahrer sah genauer hin. Nein, dieser Mann war kein Greis. Fünfundfünfzig, vielleicht sechzig. Nicht alt. Aber gealtert.

“Und wie...?”

“Oh, das übliche, denke ich.” Jetzt war die Stimme kalt, verbarg den Schmerz. “Wir waren auf der Rückfahrt aus Italien. Ich hatte einen Termin, war übermüdet und natürlich viel zu schnell. Den LKW-Fahrer trifft keine Schuld. Und den Baum auch nicht.”

In der darauf folgenden Pause wagte der Fahrer keinen Ton, bis der Professor weiter sprach.

“Ich wurde schwer verletzt, Maria starb nach zwei Tagen, sie erlangte das Bewusstsein nicht wieder. Susan wurde aus dem Wagen geschleudert und lag monatelang im Koma. In dieser Zeit bin ich tausendmal gestorben und als sie endlich erwachte...Meine Tochter ist alles was ich noch habe und sie hasst mich auf den Tod.”


Die Männer schwiegen eine Zeitlang. Das Haus des Meteorologen, vor dem das Taxi stand, lag am Ende einer Sackgasse in einem ruhigen Villenviertel, dem ältesten und exklusivsten der Stadt. Seit über zweihundert Jahren lebten hier Ärzte, Künstler und Honoratioren, meist in der x-ten Generation; keines dieser Häuser stand auf der Liste eines Immobilienmaklers. Diese Villen wurden ausschließlich in Anwaltsbüros gehandelt.

Der Taxifahrer räusperte sich. “Na ja, vielleicht...Ich meine, spielen kann sie doch noch, oder? Ich meine, es gibt doch jede Menge blinder Musiker, die...”

“Aber doch keine klassischen Werke!”, fauchte der Professor und schlug beide Hände aufs Armaturenbrett. Er fuhr herum und packte den Taxifahrer an der Schulter. “Die großen Stücke sind viel zu schwierig, um sie aus dem Kopf zu spielen, in einer Partitur stehen doch nicht nur Noten!” Er ließ los und winkte resignierend ab.

“Dort sind Hinweise auf Tempo, Anschlagstärke und so weiter notiert, wenn man die nicht lesen kann, ist richtiges Üben unmöglich. Sie war eine Meisterschülerin. Sie hätte eine Virtuosin werden können. Sie würde sich nie mit Geklimper zufrieden geben.”

Wieder herrschte eine Zeitlang Schweigen.

“Und warum fahre ich dann jeden Tag...?”

Der Professor schüttelte traurig den Kopf.

“Sie versucht es”, sagte er leise. "Sie versucht das Unmögliche. Sie will alles auswendig lernen. Das ganze Repertoire einer Meisterin.”

“Und das ist so unmöglich?”

“Wenn sie blind geboren wäre nicht”, fuhr der Professor fort. “Aber so haben sich andere Spielreflexe entwickelt, sie ist nicht variabel genug. Nur sehr schwer lernfähig, für Neues offen. Kaum Änderungen möglich. Zu steif.” Er winkte müde ab. “Es ist kein Vergleich.”

“Na, wenn sie das sagen.” Der Taxifahrer musterte nachdenklich die Audiokassetten in den Fächern der Mittelkonsole. “Soll ich trotzdem...”

“Natürlich, natürlich.” Der Professor schreckte auf und warf einen Blick auf den Taxameter. Das Gerät war längst ausgeschaltet. Der Taxifahrer lächelte. Der Professor versuchte das gleiche, brachte aber nur ein schiefes Grinsen zustande.

“Bis Morgen dann”, sagte er. “Sie fahren sie also weiterhin, ja?”

Der Fahrer nickte und schob eine Kassette in die Bordanlage.

“Klar”, sagte er. “Ist ja ihre Kohle.”

Die Wagentür schlug zu, die Kassette griff und ein elektronisches Piano klang aus den Lautsprechern. Der Taxifahrer startete, setzte den Blinker und wirbelte seinen Wagen schwungvoll in der Sackgasse herum.

“Von wegen Geklimper”, brummte er, als das Taxi auf die Kreuzung glitt.


****


“Wie gehts denn so voran mit dem Üben?” Der Taxifahrer war einige Tage fort gewesen und ein Kollege hatte ihn vertreten. Jetzt saß er zum ersten Mal wieder neben der Tochter des Regenmannes, wie er sie heimlich für sich nannte. Die Geschichte dieses Mädchens hatte ihn irgendwie berührt. Gewiss, sie war immer noch abweisend, sagte ohne Grund kaum einen Ton und wich seinen Gesprächsversuchen mit einer Beharrlichkeit aus, die schon an Beleidigung grenzte. So hatte er die Frage auch nur routinemäßig gestellt und war doppelt überrascht von ihrer heftigen Reaktion.

“Wer hat ihnen...?” Ihr Kopf war herumgeschnellt und wieder ertappte er sich bei dem Gedanken, sie könne wider alles Wissen doch sehen.

“Sie haben mit Vater geredet!” Ihre Beherrschung schien nur eine dünne Haut, überdies zum Bersten gespannt. “Was hat er ihnen erzählt?!”

Donnerwetter. Sie sprach! Der Taxifahrer war entschlossen, nicht lockerzulassen.

“Er glaubt, dass sie es nicht schaffen.” Etwas Provokation konnte nicht schaden. “Dass sie sich zuviel zumuten. Und vielleicht Schaden nehmen dabei.”

Dem Fahrer war nicht wohl in seiner Haut, so erschrocken sah sie aus.

“Er macht sich Sorgen”, schloss er und machte sich selber welche. Aber er zog durch. “Sehen sie sich doch an. Sie sind ja nur noch ein ausgewrungenes Nervenbündel.”

Sie zuckte zurück, Tränen schossen ihr in die Augen, ihr Mund blieb halb offen. Der Taxifahrer nahm sofort den Fuß vom Gas und suchte verzweifelt eine Möglichkeit, den Wagen aus dem Verkehr zu bekommen und anzuhalten. Das Mädchen hatte sich in den Beifahrersitz gedrückt und zitterte, lange Tränenbahnen liefen über die schmalen Wangen. Endlich eine Parklücke. Der Wagen stand noch nicht, als sie nach dem Türgriff langte. Mit einer blitzschnellen Bewegung verriegelte der Fahrer den Wagen rundum und fasste nach ihrer Hand. “Bitte”, sagte er. “Bitte. Ich habe doch nur...”

Sie sank in sich zusammen und weinte leise, ihre linke Hand zuckte in seiner Rechten. Die verzerrten Züge drückten so unendliches Leid aus, dass dem Fahrer fast selbst die Tränen kamen. Aber ein entflohenes Wort holt kein Wagen ein und sei er noch so schnell.


Viele Tränen hatte sie nicht mehr. Als er wieder Worte fand, startete er einen zweiten Versuch, sich zu entschuldigen.

“Susan, bitte, es tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte, wie sehr sie das verletzt, ich hätte nie...Ich wollte sie nur ein bisschen ärgern, weil sie...Na ja, ich...”

Sie unterbrach sein Gestammel.

“Sie haben ja recht.” Ihre Stimme war kaum hörbar im dumpfen Verkehrsgedröhn rings um sie herum und sie hörte sich gebrochen an.

“Nein, habe ich nicht”, sagte er. “Ich habe überhaupt nicht das Recht...”

“Doch haben sie Recht!!”, schrie sie ihn plötzlich an. “Genau wie Vater! Der muss ja immer recht haben!”

Die Tränen begannen wieder zu fließen, aber ihre Stimme wurde nicht leiser. “Es ist einfach zu schwer!”

Er starrte sie an und sie schien es zu spüren. Ohne ein weiteres Wort warf sie sich in den Sitz zurück und wandte sich ab. Sie zog ein Taschentuch heraus und begann, sich das Gesicht abzutupfen, unbeholfen, tapsig.

“Na los!”, rief sie nach ein paar Sekunden des Schweigens. “Fahren sie endlich weiter.”

Der Taxifahrer rührte sich nicht. Mit zusammengekniffenen Augen lauschte er dem Klang ihrer Stimme nach. Sie war dunkel gewesen, verletzt und todtraurig, dann grell gleißend vor Wut und jetzt klirrte schmutziges Eis darin. In dieser jungen Frau steckten alle Instrumente der Welt und vielleicht noch ein paar andere. Sie musste einfach spielen, das begriff er jetzt. Aber vielleicht...

“Muss es denn ausgerechnet Klassik sein?”, fragte er schließlich. “Warum versuchen sie nicht mal was anderes?”

“Was denn?” Jetzt war ihre Stimme bitter. “Barjazz vielleicht? Oder die berühmten drei Akkorde der Popkultur?”

Er fand es erstaunlich, wie viel Verachtung man in ein einziges Wort legen konnte.

“Warum nicht”, meinte er ungerührt. “Jeder Meister war mal ein ganz Kleiner. Elton John hat in Bars gespielt. Und Mozart war zu seiner Zeit auch nichts weiter als ein Pop-Pianist.”

Sie funkelte ihn an. “Sie verstehen es nicht, was? Musik ist doch mehr als Noten rauf und runter spielen! Wenn ich eine Partitur vor mir hatte, dann flossen die Noten ohne Umweg über das Gehirn direkt aus meinen Fingern in die Tasten und von dort in den Flügel. Dann erst waren es Töne, jeder Anschlag, jeder Pedaldruck, jede noch so flüchtige Berührung formte den Ton und das ist erst Musik! Drauflosklimpern, das kann ich noch.”

Sie neigte sich im Übereifer zu ihm hinüber. “Und genau das will ich nicht!!”

Er ertappte sich dabei, wie er ihr hemmungslos ins Gesicht starrte.

Wie schön sie war, in ihrer Wut. Sie konnte ihn nicht sehen und dennoch.

Nichts an dieser Frau war blind.

“Was ist?” Sie bewegte den Kopf suchend hin und her und er bewunderte ihren schlanken Hals. “Sind sie überhaupt noch da?”

“Jaja, hier”, sagte er schnell und klapperte mit den Kassetten, zog eine heraus. “Ich verstehe schon, was sie meinen, aber vielleicht haben sie sich nur zuwenig, ich meine...Probieren wir mal den hier.” Er hatte endlich das richtige Band gefunden und schob es in den Schlitz der Stereoanlage. “Der ist zwar noch kein Klassiker, aber nicht allzu schlecht, finde ich.”


 ****


“Was wollen wir denn hier?” Der alte Meteorologe blickte verblüfft auf das Gebäude des Konservatoriums und schloss die Taxitür. “Haben sie mich mit meiner Tochter verwechselt?” Sein Lachen klang hölzern.

“Nee, wir sind genau richtig.” Der Taxifahrer stieg ebenfalls aus und streifte sich die Lederjacke über. “Wenn mich nicht alles täuscht, werden wir heute eine Überraschung erleben.”

Das Taxi stand im Innenhof des verschachtelten Gebäudes, fernab vom Straßenlärm. Der Tag war trocken und warm gewesen und auch jetzt am Nachmittag waren viele Fenster in den Fassaden geöffnet. Die Fenster waren alt, hoch und verschnörkelt wie das ganze Haus und schienen ausschließlich zu großen bis mittleren Sälen zu gehören. Vereinzeltes Lachen heller Stimmen klang herunter.

“Wie sind wir eigentlich hier herein gekommen?” Der Professor sah sich erstaunt um. ”Ist der Hof nicht gesperrt?”

“Nicht für Droschkenkutscher”, sagte der Fahrer lakonisch und beäugte die offenen Fenster. Er blickte auf die Uhr, runzelte die Stirn und sah wieder nach oben. Er schien auf etwas zu warten und gleichzeitig zu lauschen. Der Professor musterte ihn mit wachsendem Erstaunen.

“Was ist?”, fragte er. “Warten wir auf jemanden?”

Der Taxifahrer nickte. “So könnte man es ausdrücken”, brummte er.

Der Professor wurde ungeduldig.

“Ich habe noch...”

“Ruhe!” Der Taxifahrer gebot mit einer herrischen Handbewegung Schweigen. Sein Kinn wies auf ein offenes, zweiflügeliges Fenster im zweiten Stock.

“Hören sie!”

Der Professor starrte erstaunt, neigte aber gehorsam den Kopf und lauschte. Leise Klaviermusik klang auf den stillen Hof. Der alte Mann zog einen Flunsch.

“Elektronischer Tinnef”, murrte er.

“Warten sie´s ab”, unterbrach ihn der Taxifahrer. Er kreuzte die Arme und lehnte sich entspannt an sein Fahrzeug. “Seien sie brav und genießen sie die Show.”


Das elektronische Klavier hatte jetzt ein Thema aufgenommen, eine kleine Melodie, der nichts zum Glück zu fehlen schien. Leicht und locker klimperte sie dahin, schwang sich durch die Lüfte in jedes offene Ohr, lockte und flirtete, spielerisch und filigran, ohne Tiefgang und Schwere. Geklimper halt. Nicht ernst zu nehmen.

Plötzlich übernahm ein Flügel die Melodie, in grollendem Moll und mit wütender Entschlossenheit. Der Spieler dort oben schien mit geballten Fäusten auf die Tasten einzuschlagen, voller Hass auf das Instrument, die Musik und die Welt im allgemeinen, aber nicht weniger schnell und präzise als das flinke Piano hinter ihm. Die gewaltige Resonanz des Flügels brach durch die Fenster, erfüllte den Hof und schien alles ringsum zum Schweigen bringen zu wollen.

Der elektronische Spieler mischte jetzt einen Soundcomputer in sein Spiel, rhythmische Drums und Becken trieben die Melodie voran. Der Flügel tobte, sicherer jetzt, mit kräftigen Läufen und ungebrochener Wucht. Aber sein Spiel schien auch leichter geworden zu sein, schien weniger Wut als vielmehr Spaß auszudrücken. Streicher mischten sich ein, ihre sanften Bogenstriche nahmen dem Thema die Härte, säuselten, beruhigten. Ein Synthesiser unterlegte das Spiel vorsichtig mit elektronischen Klanggebilden, bog die Spitzen ab, umschmeichelte den Flügel, nahm der Gewalt den Schrecken. Das Piano zog sich zurück, Streicher und Drums verstummten unmerklich und auch der Synti verlor sich im Hintergrund. Der Flügel wechselte die Tonart, ging von Moll zu Dur über, stolperte, fing sich aber augenblicklich. Sekundenlang schien er erstaunt zu sein ob seiner Fähigkeit, Freude, Lust und Schönheit auszudrücken, aber er gewöhnte sich schnell daran. Zum Schluss klang aus dem Fenster wieder jene kleine, spielerische Melodie, die den Krieg begonnen hatte und die jetzt der Frieden war. Dann herrschte wieder Stille im Hof.


Der Professor stand regungslos neben dem Taxi, spärlicher Beifall prasselte aus dem Fenster auf ihn nieder. Langsam wandte er dem Fahrer sein tränenüberströmtes Gesicht zu.

“Ist das...Hat sie...Woher wussten sie...”, stammelte er, restlose Verblüffung im Gesicht.

“Jaja, ist sie, hat sie, wusste ich”, brummte der Taxifahrer ungeduldig und machte eine Geste, als scheuche er ein schüchternes Hündchen vor die Tür. “Nun machen sie aber fix, sie weiß nicht, dass sie hier sind, sonst hätte sie nie gespielt. Womöglich ist sie weg, bevor sie oben...”

Der Professor warf sich herum und rannte davon, riss beinahe die Tür des Hintereinganges aus den Angeln und stürmte die Treppen hinauf wie ein Zwanzigjähriger.

“…ankommen”, beendete der Taxifahrer seinen Satz. Er zog die Augenbrauen hoch und nickte anerkennend. “Donnerwetter”, murmelte er vor sich hin, während er in seinen Wagen kroch. “Da ist ja noch ganz schön Dampf in den alten Nachbrennern.”