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Mausefalle Sie trafen sich an einem
eisigen Februartag, um vier Uhr morgens auf dem riesigen Parkplatz eines
Gewerbegebietes vor den Toren der Stadt. Die Temperatur war in der Nacht
wieder auf minus sechzehn Grad gefallen und Köhler sah bedauernd dem
warmen Bus hinterher, der ihn eben ausgespuckt hatte. Der Bus brummte
davon und es herrschte wieder die starre Stille des Winters, untermalt vom
leisen Zischen feinpulvriger Eiskristalle, die der böige Wind in langen
Schlangen über den Asphalt trieb. Köhler verkroch sich fröstelnd in seinem
Parka und machte sich auf den Weg zum Hintereingang des Baumarktes, in dem
er arbeitete. Fast wäre er dabei auf sie getreten. Sie hatte ihn kommen
sehen und sich tief in den Schatten des Bordsteins gedrückt, aber als
seine Tritte immer näher kamen, gewann der Fluchtinstinkt die Oberhand.
Köhler entging die huschende Bewegung nicht. Neugierig bückte er sich. Der
gespenstische Schein der Quecksilberdampflampen spiegelte in winzigen
Knopfaugen. Köhler streckte vorsichtig die behandschuhten Hände aus,
zuerst die Linke, um sie zu irritieren, dann griff blitzschnell die Rechte
zu. Die gepolsterte Faust umschloss sie zärtlich und hob sie vor sein
Gesicht. Warmer Atem strich über ein zitterndes
Schnäuzchen. "Nu, nu", murmelte
Köhler besänftigend. "Immer mit der Ruhe. Guten Morgen,
Mäus." "Willst du sie etwa an
deine Katze verfüttern?" Bolzers meckerndes
Lachen klang durch den Pausenraum. Köhler rührte im Kaffee und zuckte die
Schultern. Er hob den Blick nicht aus der Morgenzeitung, aber er
antwortete seinem Vorarbeiter. Ein paar Gedanken in Bolzers Kopf konnten
nicht schaden. "Seit Wochen sindīs
draußen unter fünfzehn Grad und Feldmäuse halten keinen Winterschlaf. Sie
sah aus, als könnte sie īne Pause brauchen." Bolzer feixte. "Wir
könnten Mäuschen doch in die Damentoilette sperren, hä? Da kann sie sich
nirgends verstecken. Ich wette, die Schmitten geht kreischend die Wände
hoch!" Köhler hatte flüchtig
die Vision einer brüllenden Blondine, die mit am Fußgelenk schlackernden
Slip durch die Gänge fegte. Er griente kurz.
"Schmittchen steht mehr
auf Spinnen, glaub ich", sagte er. "Könnte sein, dass sie Mäus als
Kuscheltier missbraucht." "Bei der Dame wäre ich
auch gern Kuscheltier, das kannst du mir glauben." Bolzer wuchtete sich
vom Tisch hoch. "Du willst das Vieh also
wirklich mit nach Hause nehmen, ja? Na, deine Süße wird sich freuen. Die
schmeißt entweder dich oder dein Mäuschen zum Fenster
raus." Er schüttelte den Kopf,
offenbar im Gedenken an ein schmerzhaftes Zusammentreffen mit der
Tea-Kwon-Do-Kämpferin Bettina, anlässlich einer missglückten Annäherung
während der letzten Betriebsfeier. Köhler erinnerte sich sehr genau an die
Szene. An jenem Abend hatte er seine Freundin kennen
gelernt. Bolzer schüttelte den
Kopf und sah Köhler an, während sie durch die Tür gingen.
"Ist sie eigentlich
neulich sauer gewesen, wegen unserer Spontanfete an deinem Geburtstag? Ich
meine..." "Nö." Köhler warf seinen
Kaffeebecher im Vorbeigehen in einen Papierkorb. Wenn er jetzt daran
zurückdachte, wurde ihm immer noch mulmig zumute. "Nö, deswegen
nicht..." "Was zur Hölle..."
Köhler wich überrascht zurück. Die Geburtstagsrunde mit den Kollegen war
erwartungsgemäß zum Ringelspiel entartet und eben war er im dunklen
Schlafzimmer mit schwerem Kopf an etwas Nachgiebiges gestoßen, das nicht
hätte da sein dürfen. Anscheinend hing es von der Deckenlampe herab. Als
er danach tastete, flammte die Bettbeleuchtung auf und Köhler erkannte an
Bettinas fröhlichem Grinsen, dass seine Freundin offensichtlich nicht
allzu sauer war. Er erkannte auch, was vor seiner Nase baumelte und setzte
sich erschreckt auf die Bettkante. Da hingen an rosa Schuhbändern zwei
winzige, rotweißblaue Babyschuhchen mit gelben Bommeln und hinter ihm
dröhnte das Bett von herkulischem Gelächter. "Happy Birthday, my
Lovely", trompetete Bettina und warf ihm hinterrücks die Arme um den Hals.
"Schade, dass ich die Kamera neulich zertöppert habe, dein Gesicht eben
war īne Offenbarung, Junge. Wie Boris Jelzin vorīm Glas Milch, echt."
Sie schwang die
muskulösen Beine aus dem Bett. "Ich hol besser mal den
Schampus, was?" Köhler atmete vorsichtig
und ließ die Schuhe nicht aus den Augen. "Danke", murmelte er
abwesend, als ihm eine gefüllte Sektschale in die Hand geschoben
wurde. "Wirklich, herzlichen
Dank." Er musterte den flachen Bauch neben sich und prostete ihm
zu. "Oder sollte ich besser
herzlichen Glückwunsch sagen?" Das Bett krachte, als
sich Bettina mit Schwung und Sektflasche hineinwarf. "Quatsch!" Sie
wuchtete sich in sitzende Stellung hoch, rücklings an das Kopfteil
gelehnt. "Wir wollten doch noch
mal drüber reden, oder? Außerdem wusste ich nicht, was ich dir zum
Geburtstag schenken sollte." "Und warum
ausgerechnet..." Köhler verstummte. Klar. Der Zweiundzwanzigste. Bettys
Regel war pünktlich wie die Ratenabbuchungen und in letzter Zeit hatten
sich ihre Anspielungen gehäuft. Er seufzte und kippte den Sprudel
hinunter. Also auf in den Kampf. "Okay." Er wandte sich
um. "Du willst ein Baby, ich nicht. Was willst du tun? Eine Samenbank
knacken oder die Kondome zerlöchern?" "Nee." Sie strahlte ihn
an. "Dich überzeugen, mein Liebling." "Oh, wie zweideutig." Er
schwenkte die Sektschale. Vergeblich. "Na dann leg mal los."
Seine Augen suchten die Flasche. "Alsoo..." Sie setzte
sich auf und füllte sein Glas. "Ich bin siebenundzwanzig, wie du ja
weißt..." "Du erinnerst mich ja
ständig daran." "Halt die Klappe. Ich
bin siebenundzwanzig und ich werde nicht jünger. Das biologisch ideale
Alter ist erreicht. In der Firma haben fast alle ihre Auszeit hinter sich,
ich könnte also problemlos ein Jahr pausieren. Krippe und Kindergarten
sind bei deinen Beziehungen kein Problem. Mit der Ausbildung sind wir
beide schon eine Weile fertig und steuerlich kämen wir auch
besser." Sie neigte sich
flüsternd seinem Ohr zu. "Und du musst mich nicht
mal heiraten, Süßer." "Da sei Gott vor",
murmelte Köhler und küsste sie auf den Mund. "Wie siehtīs mit Liebe
aus? Spielt die irgendeine Rolle?" Bettina riss ihre
babyblauen Augen auf. "Aber natürlich liebe
ich dich! Sonst würde ich doch keine Tochter mit dir wollen, oder? Und
mein Kind werdī ich auch lieben, ist doch klar!
Außerdem..." Sie goss sich den Rest
aus der Flasche ein. "Ich will keine alte
Schachtel sein, wenn die Kleine mit ihrem ersten Lover inīs Stones-Konzert
geht, verstehst du? Welchen Einfluss hat den eine Mumienmutter auf einen
Teenager? Ich will ihre Freundin sein. Das geht schlecht mit sechzig.
Schon rein körperlich nicht." "Dann halt dich
fit." Er klopfte ihr auf die
Schulter und begann, seine Socken auszuziehen. "Ich glaube nicht, dass
Mick Jagger in zehn Jahren noch īne Gitarre halten
kann." "Ich will nicht so lange
warten, verdammt!" Ihre Faust schlug auf die Matratze, dass die
Sektflasche aus dem Bett sprang. "Ich will überhaupt
nicht mehr warten, diese neun Monate werden lang genug. Und du bist
einfach bloß zu faul und zu feige! Willst keine Verantwortung übernehmen,
keine Babyscheiße riechen, weiter den einsamen Cowboy spielen! Manchmal
kotzt mich das so an, dass ich schreien könnte!!" "Was du im Moment auch
ausgiebig tust." Er hatte die Füße aufīs
Bett gezogen und blickte ihr fest in die Augen. "Jetzt werd ich dir mal
was erzählen, du Powermama. Ein Kind ändert nicht nur deinen Status als
Frau und ein paar Zahlen auf der Steuerkarte. Ein Kind ändert alles. Es
macht aus dir ein interesseloses Muttertier und aus dieser Wohnung einen
mit Gummispielzeug garnierten Zweiraumwäscheplatz. Ich rede hier nicht von
durchbrüllten Nächten und stinkenden Windeleimern. Damit kann man fertig
werden. Aber du wirst dich verändern, ich werde mich verändern. Und ich
für meinen Teil bin mir gar nicht sicher, ob mir das gefällt.
Ein Kind kann man nicht
zurückgeben wie einen unpassenden Schuh. Es bedeutet eine sehr starke
Belastung für jede noch so gute Beziehung, und so etwas mache ich nur
unter Idealbedingungen mit, weil ein Scheitern nicht nur dir oder mir
schaden würde, sondern vor allem einem hilflosen Balg, das sich nicht
wehren kann! Und die Bedingungen hier sind alles andere als ideal!" Er
wurde ruhiger. "Die Wohnung ist zu
klein und ich verdiene zuwenig. Wir haben noch Raten zu zahlen. Komm
wieder auf den Teppich, ja?" Köhler blickte auf und
erschrak. Seine Freundin funkelte ihn an wie ein hungriger Geier einen
Rettungssanitäter. "Du gottverfluchter
Arsch, du feiger." Sie warf ihm sein Kissen an den Kopf. "Verschwinde und
penn, wo du willst, aber nicht bei mir!" Sie grub sich in die
Decken und hieb mit der Faust auf den Lichtschalter. Köhler spürte, heute
hatte es keinen Sinn mehr. Sein Kissen an die Brust gepresst, verließ er
das Zimmer im Dunkeln, wie er gekommen war. Auf der Couch grübelte er noch
lange. Irgendwas muss mir einfallen, dachte er. Logische Argumente sind
schlechte Waffen gegen tobende Hormone. Wie kann man sich nur so aufregen
wegen etwas, dass noch nicht mal gemacht wurde, mein Gott.
Er brauchte einen
Einfall. Und vielleicht einen Partner. Große, grüne Augen
musterten Köhler, als er durch die Tür trat. Er hatte angenommen, dass
sich die graue Tabbykatze sofort auf ihn stürzen würde, auf der Suche nach
etwas, dass sie nur als mitgebrachten Imbiss hätte interpretieren können,
aber offenbar hatte er den Geruchssinn des Tieres überschätzt. Nach kurzem
Zögern entschloss sich die Katze zum üblichen Begrüßungsmaunzen und strich
schmeichelnd um Köhlers Beine. Dieser hockte sich hin, um die Begrüßung
streichelnd zu erwidern, dabei stellte er die Schachtel mit Mäus sachte
auf der Flurgarderobe ab. Die Katze merkte immer noch nichts. Köhler
beschloss, die beiden sofort miteinander bekannt zu machen. Er stellte die
Schachtel auf den Boden, öffnete vorsichtig den Deckel und behielt die
Katze genau im Auge. Deren Verhalten hatte sich abrupt geändert. Innerhalb
einer Sekunde war aus einer maunzigen Schmeichelmieze ein sprungbereites
Raubtier geworden, alle Muskeln gespannt, alle Sinne auf die hinterste
Ecke der Schachtel gerichtet. Köhler streckte vorsichtig die Hand aus und
krabbelte die Katze am Ohr. "Na, Kami, altes Miez?
Darf ich dir Microtus arvalis vorstellen? Auch genannt Feldmaus. Oder
einfach Mäus." Statt einer Antwort
streckte die Katze eine vorsichtige Pfote aus und tippte den grauen
Brocken in der Schachtelecke kurz an. Dieser stieß einen Quiekser aus,
blitzschnell hob die Maus die Vorderpfötchen und verharrte mit
gefletschten Zähnen. Die Katze zuckte zurück. Köhler war
beeindruckt. "Alle Achtung, Mäus",
sagte er. "Darf ich bekannt machen, das ist Kami Katze. Ihr vertragt euch
hoffentlich." Für die Katze waren die
Fronten klar und auch die Maus schien keine Zweifel an der Ordnung der
Dinge zu haben. Köhler sah das ein. Er schloss den Karton wieder und erhob
sich mit ihm. Die Katze folgte ihm in die Wohnstube und ließ keinen Blick
von dem Behältnis. Jetzt hatte Köhler ein Problem. Die Wohnung war für
zwei Leute schon zu klein, man hatte sich zwar arrangiert und angepasst,
aber für unnütze Dinge war eigentlich kein Platz mehr. Köhler fand auch
kein leeres Goldfischglas oder einen ähnlich ausbruchssicheren Behälter.
Er traute den scharfen Zähnen seines neuen Hausgastes in dieser Hinsicht
einiges zu, aber fast noch beachtenswerter waren die Einbruchskünste der
Katze. Schließlich blieb nur eine kleine Wanne übrig, die Köhler für
wärmende Fußbäder angeschafft hatte. Er füllte sie zu einem Drittel mit
Zeitungsschnipseln und war gerade dabei, angesichts des niedrigen Randes,
die Schüssel mit Haushaltsfolie abzudecken, als seine Freundin nach Hause
kam. "Hallo
Leute!" Angesichts des knienden
Köhler und einer ausgebliebenen üblichen Begrüßung trat Bettina neugierig
näher. "Was soll das werden?
Hast du da was drin?" "Hm." Er nickte nur und
schnitt sorgfältig die Folie zurecht, die sich jetzt wie eine zähe Haut
über die Schüssel spannte. Schön durchsichtig war sie ja, fand er. Aber
nicht zäh genug für Krallen. "Das ist Mäus", sagte
Köhler und hob die Schüssel dem entgeisterten Gesicht seiner Freundin
entgegen. "Sie wird eine Weile bei uns wohnen." Bettina blieb die Spucke
weg. "Eine was..? Eine
Maus?!! Bist du völlig irre? Was willst du mit einer Maus hier?" Aus ihrer
Stimme sprach blanke Panik. "Wir haben eine Katze, ist dir das
klar??" "Deshalb wird Mäus im
Schlafzimmer bleiben." Köhler blieb völlig gelassen. "Wir müssen nur die
Tür ständig geschlossen halten." "Auch noch inīs
Schlafzimmer!! Jetzt bist du total durchgeknallt, was? Du schmeißt dieses
stinkende Vieh sofort raus oder..." Köhler blieb stehen und
wandte sich um, die Schüssel fest an seine Brust gedrückt. Er runzelte die
Stirn und blickte seiner Freundin gerade in die Augen. Seine Stimme war
ruhig und hatte einen Beiklang von absoluter Verständnislosigkeit. Die
Härte dahinter hätte einen Bulldozer aufgehalten. "Draußen sind minus
fünfzehn Grad! Wenn ich sie laufen lasse, erfriert sie. Wenn wir sie in
der Stube lassen, frisst sie die Katze. Ich habe eine Verantwortung
übernommen. Sie bleibt im Schlafzimmer." Bettina machte große Augen.
Widerspruchslos sah sie zu, wie Köhler einen Platz für die Schüssel
suchte. "Und wie...?" Das klang
nach Rückzug. Sie biss die Zähne zusammen und akzeptierte es, setzte aber
mit festerer Stimme nach. "Und wie lange soll das
Ganze dauern, wenn ich fragen darf?" Köhler hatte endlich
einen Platz gefunden und richtete sich eben wieder auf. Er trat zurück in
die kleine Wohnstube und machte der Katze die Schlafzimmertür vor der Nase
zu. "Bis der Frost vorüber
ist", sagte er. Er beugte sich zu seiner Freundin, um ihr einen zärtlichen
Kuss zu geben. "Oder sich zumindest abschwächt." Bettina wich nicht aus,
als er den Kuss ein wenig erweiterte, hielt jedoch seine Handgelenke fest.
Er zog den Kopf zurück und die Augenbrauen fragend in die Höhe. Sie
lächelte ihn an, zeigte aber etwas zu viel Zähne dabei.
"Geh dir die Pfoten
waschen", sagte sie. Drei Tage später hatte
sich Mäus insofern eingelebt, dass sie nicht mehr ständig erstarrte,
sobald sich in der Nähe etwas bewegte. So war ihr Rascheln den ganzen Tag
über zu hören. Nachts schien sie zu schlafen wie ihre Gastgeber auch, aber
Bettina hatte schnell festgestellt, dass Mäus zu der ihr verhassten Clique
der Frühaufsteher gehörte. Hatte sie anfangs gehofft, Köhlers Begeisterung
würde sich als Strohfeuer erweisen oder das Wetter ihn seiner
Fürsorgepflichten entheben, so machte ihr zumindest letzteres einen Strich
durch die Rechnung. Mit einer, wie alle Experten beteuerten, für die
Jahreszeit außergewöhnlichen Arschruhe lag ein gewaltiges Hochdruckgebiet
über Südskandinavien und leitete mit der Hartnäckigkeit einer defekten
Klimaanlage polare Kaltluft zielsicher nach Mitteleuropa. Aber was Bettina
wirklich beunruhigte, war Köhlers seltsames Verhalten.
Stundenlang lag er auf
dem Bauch und äugte vorsichtig über den Schüsselrand. Ihre Versuche, die
Küchenabfälle zu verfüttern, begegnete er mit Entrüstung, täglich
wechselte er die Streu, die jetzt aus groben Hobelspänen bestand, da das
Zeitungspapier "durch die Druckerschwärze verseucht" sei. Einen ganzen
Stapel Literatur zum Thema Maus hatte Köhler besorgt und er konnte sich
des Langen und des Breiten über Lebensweise, Vermehrung,
Nahrungsgewohnheiten und Geschichte derer von Mäus auslassen. Als er vor
kurzem sogar davon sprach, die Maus zu zähmen und frei in der Wohnung
laufen zu lassen, war Bettina der Kragen geplatzt. "Ich hasse dieses
Vieh!!", hatte sie geschrieen und den verständnislosen Köhler umkreist wie
ein Kampfsatellit. "Ewig dieses verdammte
Geraschel, jeden Tag stinkende Mäusescheiße im Abfall, ständig aufpassen,
dass das Vieh nicht wegrennt oder die Katze es frisst und ein anderes
Gesprächsthema scheint es auch nicht mehr zu geben!" Sie war stehen
geblieben, um kurz gegen das Bett zu treten. "Bist du dir eigentlich
bewusst geworden, dass wir nicht mal mehr miteinander schlafen, seit du
den Mäusepappi mimst?! Und jetzt willst du es auch noch frei rumlaufen
lassen, ja?" Köhler war völlig ruhig
geblieben. "Sie ist kein Es", sagte er nur. "Waas??" "Sie ist Mäus, unser
Hausgenosse, die hier Asyl genießt, solange es draußen so kalt
ist." "Sie?" "Ja, sie." Köhler hatte
zärtlich in die Schüssel geblickt. "Mäus ist eine sie. Ich
habīs gestern herausgefunden." "Ich fasse es einfach
nicht", murmelte Bettina. "Du hast überhaupt nicht
zugehört." "Doch, habe ich", sagte
er. "Ich verstehe nur nicht, warum du dich derartig aufregst. Mäus ist
doch nur īne hilflose, kleine Feldmaus, die niemandem etwas tut.
Zugegeben, sie raschelt ein bisschen, aber sie brüllt nicht, sie muss
nicht geknuddelt werden und ihren Stall mache ich jeden Tag
selber..." "Ich kann SIE hier aber
nicht mehr ertragen!!!" Jetzt brüllte Bettina
richtig und das wollte einiges heißen. Köhler hatte abwehrend die Hände
gehoben, aber seine Freundin war nicht mehr zu
bremsen. "Allein bei dem
Gedanken, dass dieses Biest sich unter mir durch die Matratze frisst,
kriegī ich Ausschlag! Meinst du, die kommt raus, wenn du pfeifst? Ohne
mich, mein Lieber! Entweder diese Maus verschwindet,
oder...!" Köhler hatte sie lange
angesehen, sich dann in der voll gestopften Wohnung umgesehen und genickt.
"Du hast recht", sagte
er dann und wies auf die Bücherstapel neben der Couch, die vollgestellte
Blumenbank und den überladenen Schreibtisch. Unmöglich, hier eine zu allem
entschlossene Maus zu fangen. "Wenn Mäus hier Dr.
Kimble spielt, gibtīs Ärger." Dann war Köhler
gegangen, um "etwas zu besorgen", wie er sich ausdrückte. Mit keinem Wort
war er auf den Streit eingegangen. Bettina hatte mit dem Gedanken
gespielt, die Maus einfach in den Hof zu werfen, aber die eisige Kälte
beim Öffnen des Fensters und ein neugierig schnupperndes, niedliches
Näschen hatten sie umgestimmt. Vor lauter Frust hatte sie sich die
Bügelwäsche vorgenommen, lauschte aber bei jeder Bewegung zur Tür. Endlich
knirschte der Schlüssel im Schloss. Köhler war
zurück. Der erste Blick galt
natürlich Mäus. Bettina trat neben Köhler, der vorsichtig ein Stück Apfel
unter die Folie gleiten ließ, die er anschließend sorgfältig wieder
glättete. Dann drehte er sich um und legte etwas auf das Bügelbrett.
Bettina erkannte eine Mausefalle. Als sie danach greifen wollte, hielt
Köhler sie am Arm zurück. "Vorsicht, sagte er. Sie ist
gespannt." Er warf eine
herumliegende Holzklammer auf die Falle, die sofort zuschnappte. Das
Geräusch klang wie ein Schuss durch die stille Wohnung. Bettina nahm die
Falle in die Hand, staunte über die scharfen Stahlzacken unter dem
Schlagbügel, die straffe Feder, das Gewicht. "Ich dachte, diese
Dinger wären aus Holz", sagte sie. Köhler winkte ab. "Die aus Holz sind zu
klapprig. Stahl ist besser. Das Genick muss beim ersten Schlag knacken."
Bettina
erschauerte. "Ausbüchsen ist der
einzige Verstoß gegen die Hausordnung, den ich nicht tolerieren werde",
fuhr Köhler fort. Er sah seine Freundin an. "Wenn also eines Tages
die Schüssel leer sein sollte, stell die Falle auf. Oder lassī die Katze
auf sie los. Die erledigt das schneller." Dem emotionslosen Ton
war nichts anzumerken, aber Bettina spürte sein Unbehagen. Soviel
Gefühlsaufwand wegen einer Maus, dachte sie, da nahm Köhler sie in die
Arme und küsste sie. "Wenigstens bis es
wärmer wird", flüsterte er. "Okay." Bettina nickte
und blickte in die Schüssel. "Bis es wärmer
wird." In den folgenden Tagen
wurde Mäus zur Hauptperson in der kleinen Wohnung. Bettina hoffte immer
noch, dass sich Köhlers Begeisterung mit der Zeit legen würde, aber dieser
kümmerte sich aufopferungsvoll um das leibliche Wohl des grauen Nagers,
schnitt hingerissen Möhren und Äpfel, lag stundenlang auf dem Bauch und
beobachtete das Geraschel, während Bettina jeden Abend verzweifelter den
Wetterbericht studierte. Das Hoch blieb, wo es
war und ebenso die Maus. Köhler schien nichts anderes mehr wahrzunehmen
und hatte seinen gesamten Tagesablauf umgestellt. Nachts schlief er selig
den tiefen Schlaf des Gerechten neben Bettina, die ins Dunkel starrte, mit
zusammengebissenen Zähnen auf das Geraschel lauschte und finstere
Mordpläne wälzte. Die einzige, deren Verhältnis zu Mäus nie zur Debatte
stand, war die Katze. Geschmeidig, lautlos und mit nie nachlassender
Wachsamkeit schlich sie durch die Räume, lauschte, beobachtete, wartete
auf ihre Chance. Und die Chance kam. In der Nacht vom Freitag
zum Sonnabend wurde es wärmer. Die Temperaturen stiegen auf einstellige
Minusbereiche, was allerdings für den besorgten Köhler kein Argument
darstellte. "Minus fünf Grad ist
immer noch kalt", maulte er. "Außerdem ist Schneefall
angesagt! Kannst du mir verraten, wie Mäusli unter zwanzig Zentimetern
Neuschnee was zu fressen finden soll?" Mäusli!! Bettina ballte
unwillkürlich die Fäuste. "Du hast gesagt, sobald
es wärmer wird...", brach es erstickt aus ihr heraus. Köhler blickte sie
mit großen Augen an, die gesamte Körperhaltung ein einziges Fragezeichen.
"Du würdest sie wirklich
rauswerfen??" Er schüttelte
verständnislos den Kopf. "Das arme Wurm einfach
in den Schnee schmeißen?" Er trat näher, fasste
seine Freundin bei den Schultern und sah ihr in die Augen. Seine Stimme
war die eines zärtlichen Henkersknechts. "Stell dir mal vor, es
ginge hier nicht um eine Maus, sondern um ein Baby. Würdest du das auch
rauswerfen?" Bettina klappte die
Kinnlade runter. Sie wollte etwas sagen, aber Köhler ließ sie nicht zu
Wort kommen. "Das Geraschel hat dich
gestört, ja?" Er lächelte. "Weißt du, Schatz, Babys rascheln zwar nicht,
aber sie schreien. Und zwar um einiges lauter, als fünfzig Mäuse rascheln
können!" Bettina versuchte, sich
loszumachen, aber Köhler war noch nicht fertig mit
ihr. "In punkto Sauberkeit
ist Mäuschen auch überlegen", fuhr er spöttisch
fort. "Sie wäscht sich nämlich
selber! Und das wenige, was sie frisst, fällt nicht ins Gewicht, mal ganz
abgesehen davon, dass sie das Essen nicht durch die Gegend
spuckt." Er grinste hässlich und
ließ los. Bettina taumelte zwei Schritte von ihm fort. Köhler lachte
trocken. "Und weißt du, was das
allerbeste ist?" Er warf die Arme hoch. "Man kann sie nach
Gebrauch einfach wegschmeißen!!" Jetzt war sein Gesicht
plötzlich nur noch Zentimeter von ihrer Nasenspitze entfernt. "Klasse,
was, Schatzi??" Entgeistert starrte
Bettina ihn an. "Du hast das alles...nur
wegen...ich meine, nur weil..." "Was dachtest du denn?"
Köhler war gnadenlos. "Das ich zum Mäusefetischisten geworden
bin?" "Du bist total verrückt,
weißt du das?" "Findest du?" Köhler
schüttelte den Kopf. "Was hätte ich denn
machen sollen? Logische Argumente haben bei dir ja nicht mehr gezogen. Wir
hätten uns gestritten ohne Ende." Er lächelte, friedlich
und befreit diesmal. "Dagegen sind zwei
Wochen Mäusescheiße doch wirklich zu ertragen, oder? Mann, hatte ich ein
Schwein mit dem Wetter! Bettina bedeckte die
Augen mit der rechten Hand und setzte sich vorsichtig aufs
Bett. "Das muss ich erst mal
verdauen", murmelte sie müde. "Leg dich īne Stunde
aufs Ohr", sagte Köhler zärtlich und wuschelte ihr liebevoll durchs Haar.
"Nachher musst du sowieso zum Training." Als sich siebzig Minuten
später die Wohnungstür hinter Bettina geschlossen hatte, blieb Köhler
einige Sekunden mitten im Raum stehen. Dann öffnete er die Schlafzimmertür
und schlenderte hinüber. Die Katze schlich lautlos hinter ihm her. Köhler
bückte sich und nahm das Tier auf den Arm. Die Katze wehrte sich nicht und
schnurrte friedlich, ließ aber die Augen nicht von der Mäuseschüssel.
Köhler kraulte sie unterm Kinn. Die Katze war vor Bettina hier gewesen und
wenn es wirklich stimmte, dass Katzen achtzehn Jahre alt werden konnten,
würde sie wohl auch nach ihr hier sein. Köhler begann das andere Ohr zu
kraulen und stieß beiläufig mit dem Fuß die Schüssel
um. "Upps", sagte
er. Die Katze spannte sich
in seinem Arm. Die Maus war inmitten von Hobelspänen an die Scheuerleiste
gekullert und schnupperte verwirrt um sich. Dann huschte sie unters Bett.
Die Katze glitt aus
Köhlers Armen und folgte dem Nager. Köhler wandte sich um und ging in die
Küche. "Machs gut, Mäus", sagte er leise. "Kimble hätte im echten Leben
auch keine Chance gehabt." Die Wohnung war dunkel,
als Bettina zurückkehrte. Köhler lag angekleidet auf dem Futon. Zuerst
fiel ihr seine Schweigsamkeit auf, dann, dass die Schüssel fehlte.
"Ist sie
weg?" "Hmhm." Köhler nickte,
ohne seine Freundin anzusehen. "Sie hat die Hausordnung verletzt", sagte
er ruhig. "Ist abgehauen." "Heißt das, die rennt
noch hier rum?" Bettina blickte furchtsam um sich. "Nö", sagte Köhler. Und
sah auf die zwischen den Babyschuhen an der Lampe baumelnde
Mausefalle. |