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Der Tag, an dem Gott die
Lüge abschaffte…
…war ein Samstag und er begann für mich wie
viele andere auch zu ungesund früher Stunde mit dem Weckerfiepen. Ich
schreckte hoch wie immer, brachte meinen rasenden Puls unter Kontrolle und
stoppte die Krachelektronik mit einem gezielten Handkantenschlag. Einem
sanften Schlag allerdings, denn ich liebe meinen Wecker. Er ist treu und
hat noch nie versagt.
Mein Morgenritual ist auf die Sekunde
ausgeplant, mit einer Sicherheitsreserve von sechs Minuten, falls mal ein
Schuhband reißt. Ich hasse Hektik, bin aber auch nicht bereit oder fähig,
zu nachtschlafener Zeit aufzustehen, nur um mir lauwarmen Koffeinextrakt
einzuflößen. Die Folge ist, dass ich meinen Arbeitsweg auf Autopilot
zurücklege, aber ist städtischer Nahverkehr frühmorgens wirklich
erlebenswert? Ich erreichte zu vorgesehener Zeit die Haltestelle, die
Straßenbahn erschien pünktlich und ich stieg ein.
Das erste, was mir auffiel, war eine Werbung
der Polizei, an der ich jeden Morgen vorbeigeschaukelt wurde.
„Wir wollen, dass sie sicher
leben“, war da
normalerweise zu lesen. Heute glaubte ich „Wir wollen, dass sie Ruhe
geben“, zu erkennen. Auch die nie so richtig wahrgenommene
Behauptung einer Ladenkette, „Alles für unsere Kunden“,
hatte sich scheinbar in „Alles für unsere Aktionäre“ verwandelt.
Die Straßenbahn fuhr schnell daran vorbei. Vielleicht ein
Studentenulk. Ein Jugendjux. Und wie gesagt, ich war noch lange nicht
wach.
Ich verließ die Bahn schließlich und
erreichte nach wenigen Metern Fußweg meinen Arbeitsplatz, ein langweiliges
Bürogebäude, in dem ich als Wächter tätig war. An Wochenenden entspricht
der hiesige Kundenverkehr exakt meinem Sexualleben, was bedeutet, dass
keinerlei Verkehr stattfindet. Auf einer Seite empfinde ich das als sehr
beruhigend und angenehm und sie dürfen nicht raten, auf
welcher.
Ich vollzog also das Ritual der Wachablösung,
wobei mich der „Mann-siehst-du-Scheiße-aus“-Kommentar des Kollegen nur
geringfügig tangierte, da diese Feststellung in keinerlei Widerspruch zu
meiner Eigenwahrnehmung steht. Ich nahm die Schlüssel entgegen, zog meinen
Sokrates aus dem Rucksack und richtete mich auf geruhsame Stunden mit
Klassik-CD´s, meiner Thermoskanne und dem berühmten griechischen
Selbstmörder ein.
Der Tag verging wie im Flug. Erst abends
überfiel mich die Realität.
Zuerst kam meine Ablösung, ein
neunzehnjähriger Bengel, viel zu spät. Seinem Alter entsprechend reagierte
er auf meinen unausgesprochenen Vorwurf recht lax.
„Sorry, Alder“, krähte er. „Aber da draußen
ist die Hölle los! Hab schon überlegt, ob ich überhaupt komme. Hast du
denn kein…“ Ich winkte ab, wenig interessiert an seinen
kaum manifestierbaren Gedankengängen, aber der aufgekratzte Pickelträger
war nicht zu stoppen.
„Ich möchte mal wissen“, quäkte er, während
ich den Sokrates verstaute, „warum sich einer, der den ganzen Tag so
gelehrige Bücher liest wie du, nicht einen besseren Job sucht.“
Ich zog eine Augenbraue hoch, immerhin hatte
er einen mehrteiligen Satz zustande gebracht. Aus purer Anerkennung dieser
Tatsache befand ich die Frage einer Antwort für
würdig.
„Wenn“, eröffnete ich ihm. „Wenn du eines
eher fernen Tages die Begriffe Muße und Besitz in ihrer Gesamtbedeutung
für die persönliche Entwicklung eines intelligenten Wesens zu definieren
in der Lage bist…“. Ich machte eine Kunstpause, damit er wenigstens die
Worte erfassen konnte. „Dann beantworte ich deine
Frage.“
Es ist wohl unnötig, zu erwähnen, dass ich im
Kollegenkreis den Ruf eines Sonderlings habe.
Bestenfalls.
An der Haltestelle war nichts Ungewöhnliches.
In den vorbeifahrenden Autos allerdings erspähte ich überdurchschnittlich
viele Gesichter, die in Grimassen von Gelächter aufgelöst waren oder den
Ausdruck völliger Verblüffung oder gar von Zorn trugen. Bevor ich darüber
nachdenken konnte, rollte die Bahn heran. Ich stieg ein und geriet in ein
Volksfest.
Jeder kennt das Aufflammen des
Gemeinschaftsgefühls der Massen, wenn eine besondere Situation auftritt,
sei es Hochwasser oder ein plötzlicher Schneesturm. Solch eine Situation
schien vorzuliegen. Wildfremde Menschen unterhielten sich lautstark, die
Umstehenden wie selbstverständlich mit einbeziehend, reichten mit Lauten
höchster Überraschung und Empörung Flugblätter herum, bei denen es sich
offensichtlich um hastig kopierte private Mitteilungen zu handeln
schien.
Wortfetzen und halbe Sätze brandeten um mich
her und obwohl ich mir einen analytischen Verstand zugute halte, wurde ich
nicht im Mindesten daraus schlau.
„…ein Skandal, ach was, die Mutter aller
Skandale…“
„…vier Exfrauen und der kann den gesamten
Unterhalt von der Steuer…“
„…Milliarden, sag ich ihnen, Milliarden.
Einfach so geklaut….seit Jahren…“
„…ich hab´ das ja immer schon
gewusst…“
Ich wusste gar nichts. Aber ein unbehagliches
Gefühl stieg in mir auf, so als ob man seine Gewinnzahlen im Radio hört
und nicht mehr genau weiß, wo der Lottoschein ist. Mir fielen die
Reklamesprüche von der morgendlichen Fahrt ein. Die Bahn erreichte das
Stadtzentrum. Und hielt. Tausende blockierten die Straßen. Ein Sturm
schien losgebrochen. Ich taumelte ins Freie.
Die Printmedien waren nicht schnell genug
gewesen oder gestoppt worden. Das Fernsehen war noch kontrollierter und
außerdem nie richtig auf der Straße angekommen. Es war die Stunde des
Radios.
An jeder Straßenecke stand jemand mit einem
Ghettoblaster, vor Lokalen und Läden waren Lautsprecherboxen aufgebaut
worden, Autos parkten mit weit geöffneten Türen mitten auf den
Bürgersteigen, umringt von einer aufgebrachten, wogenden Menschenmenge,
die ebenso empört wie euphorisch wirkte, gleichzeitig wutentbrannt und
seltsam freudig, in offenbar sicherer Ahnung ferngeglaubten Glücks. Ich
trieb eine Zeit lang völlig fassungslos durch die Massen, dann
konzentrierte ich mich vor einem besonders gut mit Lautsprechern
bestückten Markteingang und hörte zu. Kein einziger der eingestellten
Sender brachte allerdings Musik zu Gehör.
„Bundeskanzlerin Merkel betonte: Die
Amerikaner halten sich nicht nur für die Größten, sie sind es leider auch,
zumindest wirtschaftlich gesehen und wes Brot ich ess´, des Lied ich
sing´, ich sag das mal jetzt ganz unverfroren, meine Damen und
Herren…“
„…Deutschland ist eigentlich seit Jahrzehnten
schon pleite, die überhastete Wiedervereinigung hat das Dilemma nur
verschlimmert. Ich kann aus meinem Amt mit glasklaren Vorgängen belegen,
dass sämtliche Steuereinnahmen, die ohnehin nur auf geschönten Schätzungen
beruhen, praktisch einfach in einen großen Sack gekippt und an
ausgekungelte Interessengruppen verteilt werden. Zur Wahrung des Scheins
natürlich…“
„…sind Renten- und Pflegeversicherung
praktisch seit Jahren nicht mehr existent…Mineralöl- und KFZ-Steuer werden
fast ausschließlich zur Deckung von…dass viele Ämter keinerlei
staatstragende Interessen mehr verkörpern…“
„Bundeswehr? Wollen Sie mich veräppeln? Das
ist doch nur noch ein Alibihaufen für Beschaffungsamt und
Rüstungskonzerne…“
„Altkanzler Schröder sagte, dass über Geld
nicht gesprochen worden sei. Zitat: „Allerdings wissen die schon, dass ich
mindestens zwei Mille im Jahr haben will, plus Spesen
natürlich…“
Die Sprecher waren sämtlich nicht weniger
aufgeregt als ihre Zuhörer, einige schienen auch keine Profis zu sein, sie
verhaspelten sich und schalteten wahllos zwischen Life-Auftritten und
aufgezeichneten Reden hin und her. Die Menge quittierte jede neue Äußerung
bekannter Persönlichkeiten und Politiker mit lautstarkem Sarkasmus. Ich
schüttelte hilflos den Kopf.
Sicher, es war Wahlkampf. Und vielleicht
hatten schlaue Strategen eine Neuauflage von Gorbatschows Perestroika für
eine gute Idee gehalten, die allerdings, ganz wie ihre Vorgängerin, aus
dem Ruder gelaufen war.
Ich hatte mich seit Jahren von jeglicher
Politik ferngehalten, besaß weder ein Fernsehgerät noch ein
Zeitungsabonnement. Schon allein die unsäglichen Wahlplakate, mit denen
man die Stadt verkleistert hatte, riefen regelmäßig meinen Abscheu hervor.
Ich sah mich nach ihnen um und der zweite Schock traf mich
unvorbereitet.
Die Wahlplakate waren noch da. Aber sie
zeigten die Abbilder machthungriger Bürokraten völlig unretuschiert. Also
potthässlich. Und die Bildtexte hatten sich gründlich
verändert.
CDU
– Für unsere Pfründe!,
stand da zu lesen.
Macht ist geil, drum –
SPD
FDP
– Ohne Amt bin ich nur schwul!
Protestieren statt regieren – Hauptsache,
nicht arbeiten – PDS
Vorwärts Deuschland – Denkt ihr, wir wollen
von Rente leben??
Umweltschutz ist uns egal, der Dienstwagen
zählt allemal!
Ich konnte es nicht fassen. Beim Umschauen fielen mir die in der Fußgängerzone allgegenwärtigen Werbebotschaften ins Auge. Auch sie hatten völlig andere Aussagen.
Müller-Knilch! Von wegen Fruchtstücke!
Der neue Meg-an! Jetzt noch mehr teurer!
Humbug-Mülleimer! Wir haben Zeit. Und
Anwälte.
Jemand stieß mir in die Seite. Eine Frau,
Mittelalter, blondierte Haare, die ihr wirr ins Gesicht hingen. „Sehen sie
sich das an!“, brüllte sie und klatschte mir eine Tiefkühlpizza in die
Arme. Als ich konsterniert inne hielt, riss sie die Packung in meinen
Händen herum und stieß sie mir förmlich ins Gesicht.
„Sehen sie! Lesen
sie!“.
Ich las:
„…Abfallprodukt aus Rinderklauen und
Altölrückständen…Konservierungsstoff, basierend auf eindeutig
krebserregenden…Geschmacksstoff mit Industriedichtmasse…Streckmittel der
Pharma-Industrie…Reste aus maschineller
Konservenproduktion..“
Alles fettgedruckt. Lupenreiner Klartext. Ich
entdeckte keine einzige der kryptischen Zahlen- und
Buchstabenkombinationen, die normalerweise auf allen
Lebensmittelverpackungen Information vorgaukeln. Das war der
Todesstoß.
Ich wankte durch die tobende Menge und ließ
die Pizza einfach fallen. Eine freie Stelle, ich brauchte Luft. Die
Katastrophe nahm mir den Atem.
Ich entdeckte Gott, als er gerade zwei
Polizisten rettete, indem er sie samt Dienstwagen einschrumpfte und einem
weinenden Mädchen zum spielen gab. Er hatte seinen Heiligenschein wohl
abgeschaltet und wirkte nicht im Mindesten wie der große Weltenlenker,
eher wie ein Philosophiestudent im dreißigsten Semester. Er trug einen
Zopf, braune Cargohosen und
ein Piratenhemd. Und ER sah eindeutig mürrisch
drein.
„Hör mal, Alter, so geht das nicht“, sprach
ich ihn an und biss mir auf die Zunge. Sein Outfit hatte glatt meinen
ansonsten sehr gepflegten Ausdruck verfälscht.
„Wie meinen?“ ER starrte mich ausdruckslos an.
„Passt dir was nicht, Adam?“
Ich holte tief Luft. „Verdammt noch mal, was
hast du getan!“, schrie ich IHN an. „Alles wird
zusammenbrechen!“
ER
hörte gar nicht hin. Mit
ausgebreiteten Armen schritt ER
über den Platz wie ein genervter Versicherungsvertreter nach dem
dreißigsten Hurrican in Oklahoma und schimpfte vor sich
hin.
„Da guckt man mal zweitausend Jahre nicht in
seinen Hobbykeller und was passiert? Aus dem lustigsten Spielchen der
letzten Äonen ist ein selbstzerstörerischer Haufen Mist
geworden!“ ER
fuhr zu mir herum. „Ich hab´
euch doch nicht viertausend Sprachen gegeben, damit ihr nicht in einer
einzigen davon die Wahrheit sagt. Eure Seele ist unsterblich, aber glaubt
ihr denn, das kleine, zarte Ding ist deswegen auch
unverletzbar?“
Ich zögerte vor diesem Ausbruch. „Aber…“,
begann ich. „Aber was?!“ ER war wirklich nicht bester
Laune. Ich nahm allen Mut zusammen.
„Aber man kann doch nicht immer die Wahrheit
sagen.“
„Ach nein?“ SEIN Blick war traurig. „Das
erklär´ mir mal bitte.“
Ich geriet ins Stottern. Wo
beginnen?
„Na zum Beispiel…die Blümchen und die
Bienchen…Die müssen doch bleiben…Ich meine…Man kann doch den Kindern
nicht…“ Ich verfluchte mich. Ausgerechnet das blödeste
Beispiel.
„Willst du mich verarschen?“ ER klang unendlich
enttäuscht. „Gerade dort beginnt es doch. Wenn Du ein
Kind belügst, egal womit und in welcher Absicht, wird es die Wahrheit
irgendwann von selbst herausfinden. Damit bist du als Vertrauter erledigt.
Zweitens gewöhnst du dir und ihm an, für unbequeme Wahrheiten bequeme
Lügen zu erfinden. Wer lügt, liebt aber nicht. Wer nicht geliebt wird,
lernt nie, selbst zu lieben. Wer nie liebt, kann nie lieben lehren. Auch
seine Kinder nicht. Ungeliebte Kinder werden bösartige
Erwachsene. Schau dir die Welt an, Adam. Was glaubst du, ist die
Ursache?“
Ich schluckte. Immerhin sprach ER noch mit mir. Ich fasste
Mut.
„Aber wenn ich Arzt wäre…Und du Krebs
hättest…Im Endstadium…Moment mal, warum gibt’s
eigentlich…“
„Warum willst du unbedingt lügen?“,
unterbrach ER mich. ER trat näher und sah mir in die
Augen. Die seinen changierten in allen
Regenbogenfarben. „“Wenn du mir Wahrheit gibst, was könntest du
mir nehmen?“, sprach ER. „Die
Hoffnung? Letzte Lebenszeit? Nichts dort gehört zu dir, doch alles mir.
Und das Vertrauen, dass du dir erwirbst, wird stärken meine
Seele. So denn noch Hoffnung ist, werd´ ich dir
folgen und wo es keine gibt, dort zähl´ auf mich.“
„Shakespeare?“, stammelte ich.
„Leck mich“, knurrte
Gott.
„Versteh´ doch“, fuhr ER nach einer Pause fort. „Die
Lüge ist die Wurzel allen Übels. Durch sie verliert ihr das Vertrauen,
betrachtet euch als Gegner und als Konkurrenten, als Todfeinde bald und
ihr könnt das gar nicht einmal mehr aus der Welt schaffen, weil ihr
nämlich gar nichts mehr glaubt. Eure hohlen Phrasen, eure verquasten
Ausdrücke, die verlogene Werbung, das Kleingedruckte; egal in welchem
Bereich, sogar in den meisten Ehen, nichts als Lug und
Trug. Das ist für euch schon so normal geworden wie
atmen. Selbst die Liebe kann nicht mehr alles richten, ihr vertraut euch
ja nicht einmal selbst. Oder kannst du mir eine zeitlose Liebe zeigen?
Eine Leidenschaft, für die man alle Masken fallen lässt, auf Gedeih oder
Verderb, besinnungs- und bedingungslos? Und wenn du mir jetzt mit euren
unsäglichen Beziehungen kommst,
dann raste ich aus.“
Hier war Vorsicht angesagt. Aber ich konnte
mich nicht bremsen.
„Ich soll also meiner Geliebten unverblümt
sagen, dass sie fett wird, ja? Ihre Cellulite beschreiben, richtig? Und
das alles auf Gedeih und Verderb, wie?“
Ich legte so viel Sarkasmus in meine Stimme
wie nur möglich, aber das leichte Zittern machte die Wirkung zunichte. Ich
stritt mich immerhin mit IHM.
„Nein.“ Gott lächelte milde. „ Glaub mir,
deine Liebe weiß das besser als du. Und wenn es dich stört, werden deine
Blicke dich längst verraten haben. Ansonsten könntest du auch einfach den
Mund halten.“
ER
verschränkte die Arme
vor der Brust. „ Ich habe es lediglich so eingerichtet, dass jeder, der
sich äußert, egal ob mündlich oder schriftlich oder wie auch immer, ob er
ein Bild malt oder ein Foto macht, ob mit Musik, im Gebet oder bei einer
öffentlichen Erklärung, er sich der Wahrheit bedienen muss, weil es
einfach keine Lüge mehr gibt. Ich hab sie aus dem Programm
geschrieben.“
„Na toll“, murrte ich. „Also keine Gemälde
mehr, kein Theater, kein Kino. Auch keine Romane. Verdammt. Du hast ´ne
Meise, weißt du das?“
Statt mich in Stein zu schlagen, grinste ER.
„Gemälde. Kino. Da liegt dir dran,
was?“
Ich zuckte ertappt die Schultern und ER lachte laut.
„Keine Angst“,
beruhigte er mich. „Was der Maler sieht und darstellt, ist für ihn eine
Wahrheit, also auch für dich. Niemand erwartet in einem Roman die
Realität. Und auf der Bühne ist es ein Spiel. Nur die Fotografen werden
sich in Zukunft an die Gegebenheiten halten müssen. Da lernen sie wieder
richtig arbeiten.“
Ich seufzte. „Also keine photogeshopten
Südseesonnenuntergänge mehr.“ „Die sind schön, so wie sie sind“, sagte
Gott. „Du solltest mal hinfahren.“
„Wovon denn?“, plärrte ich. „Bei dem globalen
Chaos, das jetzt losbricht, kann ich froh sein, nicht verhungern zu
müssen. Hast du überhaupt eine Ahnung, was du angerichtet hast?
Aktienanalysen, die Börse, internationale Verträge, Bündnisse und
Koalitionen, nichts hätte mehr Bestand, nichts wird mehr gültig sein! Du
hast doch recht, wir können die Wahrheit einfach nicht verkraften! Es
werden Millionen sterben, Gott!!“
„Nu und?“, meinte ER ungerührt. „Ihr seid
sowieso viel zu viele. Vielleicht kriegt der Rest sogar die Umweltschäden
wieder hin. Denkst du, ich habe Lust, den ganzen Kram noch mal zu
schaffen?“ ER
beäugte seine
Fingernägel. „Nö, du.“ Ich sah die Sonne
sinken.
***
Müde schleppte ich mich spätnachts in meine
Wohnhöhle zurück, unter den Armen einen Kofferfernseher und einen Laptop.
Ich würde Gott kontrollieren
müssen.
In der Sache war er hart geblieben, aber wir
hatten uns geeinigt. Keinen sofortigen Lügenentzug und einen
Tagesneustart. Stattdessen ab morgen zufällig ausgewählte Menschen, jeden
Tag mehr und jeder mehr Tage ohne Lüge als vorher. Auf diese Weise würde
sich das System durch die Beispielwirkung irgendwann selbst tragen und die
Gesellschaften nicht schlagartig überlasten. ER hatte bereitwillig
zugehört, als ich IHM meinen Plan
erläuterte.
„Okay“, meinte ER dann cool. „Wie viele für
den Anfang?“ „Von mir aus fünfzig“, bestimmte ich forsch.
„Weltweit natürlich. Und lügenlos für, sagen wir, erst mal eine
Woche.“
„Soso, na gut“, meinte er. Ich glotzte. Gott
hatte tatsächlich einen Filofax. Nur dass seine Tage Jahrtausende waren.
Er krakelte drin rum.
„Und was ist mit Wechsel?“, fragte er.
„Monatlich? Oder abhängig von der vorherigen Dauer?“ „Von der vorherigen Dauer“, sagte ich, auf
einmal gar nicht so sicher wie am Anfang. ER wirkte einfach zu
bereitwillig.
„Okidoki.“ Gott knallte den Kalender zu,
ein Donnerschlag hallte durch die Fußgängerzone. „Dann sind wir uns wohl
einig.“ ER streckte mir die göttliche
Pfote hin und ich schlug ein. Mit der anderen Hand winkte ER über die Schulter.
„Wenn du noch schnell was plündern willst, da
drüben ist ein Media-Markt. Ich warte dann mit der
Ratifizierung.“
Und deshalb surfe ich jetzt jeden Tag durch´s
Internet. Ich überwache die Newsgroups und die großen Zeitungen, die
Diskussionsforen, Weblogs und die Agenturen. Der Fernseher läuft Tag und
Nacht, ein Radio habe ich immer dabei. Noch wirkt das System nur in der
Privatsphäre, aber ich finde immer mehr von uns. Und wenn es durchbricht,
wird irgendwann, irgendwo irgendwer auch offiziell die Wahrheit sagen. Bis
jetzt betrügen sie alle und schlimmer noch, sie glauben selbst an ihre
Lügen. Aber ich weiß, dass ihre Zeit abläuft. Wir schlagen sie mit
Wahrheit, mit unseren eigenen, wahrhaftigen Leben.
Ich hoffe nur, wir schaffen es, bevor ER mal wieder in seinen
Hobbykeller
steigt… |