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Die
Höhle der Löwin
Als die Löwin im
üblichen Rudel ihrer Verehrer durch die Tür des Clubs schritt, entstand
ein kleiner Auflauf. Es war in der Szene noch üblich, sich gegenseitig mit
Küsschen zu begrüßen, ein Ritual, dass bei entsprechender Anzahl der
Bekannten schon ein Weilchen dauern konnte. Er hatte sie schon ein paar
Mal flüchtig gesehen, ihr seltsam kehliges Lachen gehört und von weitem
ihren geschmeidigen, selbstvergessenen Tanzstil bewundert. Doch heute
stand er zum ersten Mal ganz in ihrer Nähe, durch puren Zufall, niemand
hatte gewusst, dass sie hier auftauchen würde, er schon gar nicht. Er
starrte sie an, während sie näher kam, lachend und scherzend und Bussis
verteilend. Sie trug Safarilook, knalleng an den richtigen Stellen, in den
aufregenden lagen geheimnisvolle Schatten. Sie sah umwerfend aus.
Erst viel später sollte
ihm klar werden, was diese eine Sekunde aus ihm gemacht hatte, dieser
winzige Moment, als ihre Ausstrahlung wie eine Feuerwalze auf ihn traf,
ihn aber bereit fand, weil ihm einen Herzschlag zuvor eine Samtfaust in
den Magen gefahren war, seine Schultern gestrafft, den Kopf hochgeschnellt
hatte. Keine Bedenken, kein Zögern und kein Stammeln gab es da mehr, kein
vorsichtiges Herumschleichen, um unbemerkt einen schüchternen Blick auf
die Göttin werfen zu können. Sie stand vor ihm und lächelte leicht. Sie
sagte etwas und das Lächeln wurde zum Lachen. Die Leute ringsum lachten
auch, nur der Typ direkt hinter ihr machte ein finsteres Gesicht. Egal. Er
legte den Arm um ihre Taille und zog sie an sich. “Hallo”, sagte er leise.
Und küsste sie auf den Mund.
Sie wehrte sich nur mit
ihrem Gewicht, legte ihm leicht die Hände auf die Brust. Erst als er
losließ, schob sie ihn zurück.
“Heeey”, sagte sie
gedehnt, mit leichtem Grollen in der Stimme. “Nur ein Küsschen,
okay?”
Er sah ihr furchtlos in
die Augen, ließ die Hand an ihrer Flanke hinauf gleiten.
“Einen Kuss”, bestätigte
er. “Und später einen Tanz.”
“Was denn, du kannst
tanzen?” Mit ironischem Augenaufschlag ließ sie ihn stehen und zog mit
ihrem Rudel an die Bar. Er sah ihr nach wie über Kimme und Korn, nahm aber
den Finger vom Abzug. Kein sicherer Schuss. Noch
nicht.
Der Abend nahm den
üblichen Verlauf, die übliche krachende, hämmernde Musik, die üblichen
Zoten an der Bar, die üblichen eifrigen Jäger und das nicht minder eifrige
Wild. Zwischen Qualmwolken und lärmenden Runden angeblich Uninteressierter
die heimlichen Scharmützel in dunklen Ecken, der rasche Zugriff, der
tödliche Biss und der süße Rausch des Sieges und des Unterliegens. Einzige
Störung bei seinem gemächlichen Anschleichen war das finstere Gesicht, das
sich ihm plötzlich in den Weg schob und die Sicht auf die Beute
versperrte. Er spürte eine Hand auf der Schulter, hörte etwas von
Freundin, Finger lassen und eine finstere Drohung, die nicht seine Ohren
erreichte. Er schob das Gesicht weg, etwas heftig vielleicht, vielleicht
war ihm auch der Daumen in ein finsteres Auge geraten, wer weiß. Er wandte
den Blick nicht von ihr.
Spät in der Nacht wagte
er es schließlich. Ihr Rudel hatte sich zerstreut, war ermüdet oder
bereits gegangen wie viele, die fast leere Tanzfläche bewies es. Sie
lehnte in einer Ecke, balancierte ein Glas und lauschte mit geschlossenen
Augen, ob auf die mittlerweile leiser swingende Musik oder auf den Sermon
ihres Begleiters war nicht ersichtlich und ihm auch gleichgültig. Er ging
schnurgerade auf sie zu, nahm ihr das Glas weg und legte ihre Hand auf
seine Brust.
“Mein Tanz”, sagte er.
Sie sah ihn an. Sie ging mit. Sie tanzten. Er zog sie nach der zweiten
Drehung an sich, nur mit einer Hand, die andere sicherte, ihre blutroten
Krallen waren immer noch gefährlich. Er schloss die Augen nie, auch nicht,
als sie näher kam, scheinbar ergeben und sanft, anschmiegsam und zahm.
Eine Löwin ergibt sich nicht, nicht im Kampf, nicht in der Niederlage,
vielleicht in der Lust. Die Faust in seinem Innern lockerte sich, seine
wache Hand wurde zur Streichelpfote, seine feste Führung unterlag ihrer
Geschmeidigkeit. Plötzlich kam sie auf ihn zu, der feste Biss entpuppte
sich als Kuss, der sich nicht mehr löste, den Drehungen und dem Ende der
Musik zum Trotz.
Er begleitete sie zu
ihrer Wohnung. Vor der Tür saß das finstere Gesicht, mit verkniffenen
Lippen diesmal und ungläubig den Tränen nahe. Sie redete, während er sich
im Hintergrund hielt. Sie sprach leise und kurz, erklärte nichts, forderte
eher. Das finstere Gesicht verschwamm in Tränen, wurde flehend. Sie legte
die Hand auf eine schmale Schulter und schob sie von sich, gerade noch
sanft, aber entschieden. Dann stand er ihr wieder gegenüber, sie schwiegen
einige Sekunden lang, sahen sich nur an. Er nahm ihre Hand und sie
überließ sie ihm, aber ihre Haltung machte deutlich, dass er nicht mehr
haben könne. Nicht hier, nicht jetzt. Vielleicht nie. Er hob ihre kühle
Hand kurz an seine Wange und sah ihr in die Augen, die ruhig und abwartend
und ein wenig müde waren. Innerlich blies er ein Halali. Jagd aus. Für
Heute.
“Gute Nacht”, sagte er,
wandte sich um und ging.
Sie ergab sich auch beim
zweiten Treffen nicht, auch nicht beim dritten oder vierten. Wochen ging
das so, Theater, Kino, Ausstellungen, Konzerte, romantische Spaziergänge
nach einem guten Abendessen, Gespräche über Gefühle und Tatsachen und Gott
und die Welt. Sie war unbeschwert und locker, aber er wurde nie das Gefühl
los, dass sie ihren Fluchtabstand wahren würde, nicht aus Angst vor ihm,
sondern in der Furcht verletzt zu werden. Hinter der Fassade der
Salonlöwin mit dem zahlreichen Gefolge spürte er eine andere Frau, eine
dünnhäutige Elfe mit zu vielen Narben, die die Leidenschaft einmal zu oft
ins Getümmel getrieben hatte. Er drängte nie, ließ nur anklingen, was sie
ihm bedeutete, mit tausend winzigen Kleinigkeiten. Manchmal telefonierten
sie spät abends noch, ein leiser Gruß vor dem Schlafengehen, fast eine Art
Ritual. In einer lauen Septembernacht war ihr Anruf nur kurz und er legte
den Hörer so vorsichtig auf die Gabel zurück, als wäre er aus Glas. Er
blieb eine Weile schweigend sitzen und starrte vor sich hin. Dann stand er
auf und nahm seine Jacke. Am Bahnhof würde es sicher noch Rosen
geben.
An der Sprechanlage
klang ihre Stimme noch überrascht, aber als er vor ihrer Tür stand fragte
sie nichts. Sie nahm die Blume, die er ihr reichte und schloss die Tür
hinter ihm. Er hängte die Jacke an einen Haken und trat ihr gegenüber. Es
war fast schon Morgen, aber die Zeit schien auf einmal keine Rolle mehr zu
spielen. Sie war abgelaufen.
Er zog sie an sich wie
damals im Club und wieder wehrte sie sich nur mit dem Gewicht ihres
Körpers. Das leise Schnarren des Reißverschlusses überraschte sie beide,
aber es erschreckte sie nicht. Es gab keine Peinlichkeiten, kein Zögern
zwischen ihnen, er führte sie zum Bett und zog sie aus und hatte doch nie
das Gefühl, der führende Partner zu sein. Sie wand sich aus ihren Kleidern
und half ihm bei seinen, alles geschah mit ruhigen, geschmeidigen
Bewegungen, gelassen und sicher, wie bei altvertrauten Gegnern, die
langsam oft gespürte Waffen ziehen und wissen, dass es nicht der letzte
Kampf sein wird. Er beugte sich über sie. Sie hielt die Augen geöffnet und
als er seine schloss wusste er, dass sie das nie vor ihm getan hätte. Sie
traute ihm nicht, würde es vielleicht nie tun. Er griff
an.
Und dann war er in ihrer
dunklen, feuchten Höhle, die sie so lange verteidigt hatte. Er bewegte
sich vorsichtig, sichernd und liebevoll zärtlich, aber sie sprang ihn an,
umschlang, umkrallte ihn, schlug ihm die Zähne in den Hals und trieb sein
Verlangen zur rasenden Gier. Sie schrieen und stöhnten, rissen in Fetzen,
was zwischen ihnen stand, sie schlugen sich Wunden, deren Narben sie stolz
tragen würden und spürten Schmerz nur dann, wenn sie sich trennten. Das
Denken war längst ausgeschaltet, nur der Urtrieb regierte und die beiden
erbittertsten Feinde dieses Planeten genossen in vollen Zügen jenen
einzigen Krieg, der, wenn er gut geführt wird, keinen Verlierer kennt.
Später lagen sie erschöpft nebeneinander, zerkratzt und zerschunden, aber
beide erfüllt vom satten Gefühl des Sieges. Er strich ihr vorsichtig über
die Bauchdecke, als wolle er prüfen, ob noch Leben in ihr war. Sie
schnurrte mit geschlossenen Augen und bleckte die Zähne. Das erinnerte ihn
an seinen Hals und er betastete die Bisswunde, bewegte behutsam den Kopf
und spürte die Wirbel knacken. Seine Rippen schmerzten ebenfalls und sein
Rücken fühlte sich an wie gepflügt. Er beäugte ihre Krallen und konnte
nicht erkennen, ob die Farbe daran Blut oder Nagellack war. Ihr Gesicht
zeigte den entspannten Ausdruck gestillten Hungers, sie lächelte leicht
und schien hinter geschlossenen Lidern jede Phase des Kampfes noch einmal
zu genießen. Er neigte sich zu ihr und küsste sie vorsichtig. Sie schlug
die Augen auf und zwei smaragdgrüne Blitze durchbohrten ihn. Ihr Lächeln
vertiefte sich. “Du Tier”, knurrte
er. |