Die goldene Kugel

 

"Sie mögen das Militär nicht, was?"

Der junge Mann blickte von seiner Illustrierten auf. Seitdem die Horde angeheiterter Soldatenurlauber den Zug verlassen hatte, war das Schweigen lastend geworden. Und nun hatte der alte Mann, der ihm gegenübersaß, es offenbar satt. Mit den Uniformierten hatte er geschwatzt, gelacht und getrunken und mehr als einmal seine Kompetenz in militärischen Fragen unter Beweis gestellt; dem Jüngeren war das nicht entgangen. Die straffe Haltung und das schmutzigweiße Bürstenhaar sowie der Jargon des Alten ließen einen "verdienten Krieger" vermuten, was ihn selbst zum Außenseiter in dieser Runde machte. Er hatte nie eine Waffe getragen.

 

"Wo haben Sie gedient, Junge?"

Der Kerl ließ nicht locker. Aber betrunken schien er nicht zu sein.

"Gar nicht", antwortete der „Junge“ wahrheitsgemäß. "Als man mich ziehen wollte, gabīs keinen Staat mehr zum beschützen."

 

"Ach, von drüben einer?" Der Alte nickte und winkte leicht zu der Landschaft hinter der Scheibe hinüber.

"Soso. Eure Technik war ja ein Sauhaufen, aber in der Ausbildung seid Ihr härter gewesen als diese Milchbubis von heute. Und in der Disziplin auch", fügte er mit Nachdruck hinzu. Seine blauen Augen glitzerten listig. Der Junge überlegte, welche Antwort ihn in diesen Augen am wenigsten zum Weichei stempeln würde. Ein höfliches "Verzeihung, aber das Thema liegt mir nicht", oder einfach, " Lass mich in Ruhe, Mann!?"

 

Bevor er sich entscheiden konnte, beugte der Alte sich wieder vor.

"Sie mögen das Militär nicht, warum?"

Der Junge ließ die Zeitschrift abrupt sinken.

"Weil", sagte er langsam und betonte jedes Wort. "Weil ich nicht einsehen kann, warum die Socken unbedingt im dritten statt im fünften Spindfach liegen müssen! Weil es mir scheißegal ist, wie mein Bett aussieht, solange es nur sauber ist und warm! Und weil ich vor allen Dingen nicht begreife, dass ein intelligenter Mensch vor einem Vollidioten strammstehen muss, bloß weil der einen lächerlichen Stoffstreifen auf seinen Schultern rumschleppt!"

Der Alte blieb ungerührt, schwieg aber eine Zeitlang.

"Zugegeben, mit manchen Vorgesetzten hat manīs nicht leicht", brummte er ironisch.

 

"Ich werde Ihnen mal eine Geschichte erzählen", sagte er dann etwas lauter zu der Zeitschrift, die sich wieder zwischen ihnen erhoben hatte,

"Auch wenn Sie nicht zuhören, mir wirdīs gut tun, zu reden. Und ich schwöre, dass die Geschichte wahr ist, weil der Mann, der sie mir erzählt hat...

Na, egal, jedenfalls spielte sich das Ganze in einer kleinen Garnisonsstadt in Mitteldeutschland ab, ein Stückchen nach dem ersten Weltkrieg. In der Garnison wurden auch Rekruten ausgebildet und das Kasernengelände befand sich mitten in der Stadt. Für die armen Kerle da drinnen hättīs auch auf dem Mars sein können, denn die Mauern waren acht Meter hoch und Ausgang gabīs keinen. Die Ausbildung sollte wohl heimlich laufen, das hatte irgendwas mit dem Versailler Vertrag zu tun, nehme ich an...“

 

Der Junge versuchte, sich auf seinen Zeitschriftenartikel zu konzentrieren, aber die Stimme des Alten lenkte ihn ab. Seltsam hypnotisch war diese Stimme, deutlich zwar, aber immer leiser werdend, so als würde der Erzähler seine Umgebung völlig vergessen. Gerade beschrieb er wohl das Objekt…

 

„,,,war ziemlich neu, sah aber schon aus, als wäre es Jahrhunderte alt. Rundum standen vier Wachtürme, zu keinem anderen Zweck, als die Rekruten anīs Wachestehen bei Wind und Kälte zu gewöhnen. Der Exerzierplatz war ein im Sommer staubiges, im Winter steinhartes, ansonsten schlammiges Feld der Tränen und der Flüche, das konnte man wörtlich nehmen. Die Flüche kamen meistens von den Ausbildern, mittleren Dienstgraden aus Weltkrieg eins, die genau wie die Jungs in der Kaserne eingesperrt waren, bis auf einen Tag in der Woche. Ansonsten verbrachten sie ihre Abende im Kasino und wenn sie dann irgendwann besoffen quer über den Acker zu ihren Unterkünften stolperten, hatten die Wachen ihre schwerste Stunde. Die Wachtürme waren nämlich niedriger als die Mauern, der Blick somit ständig nach innen gerichtet und der Befehl lautete, dass jeder Vorgesetzte, der sich im Blickfeld befand, unbedingt und vorschriftsmäßig zu grüßen sei."

 

Der Alte sah auf, aber das Journal hatte sich noch nicht bewegt. Er zuckte die Schultern und lehnte sich in die Polster zurück, den Blick aus dem Zugfenster in die vorbeisausende Nacht gerichtet.

"Und vorschriftsmäßig hieß", fuhr er fort, "dass sich der Rekrut vor seinem Vorgesetzten aufzubauen und zu salutieren hatte."

Ein raues Lachen.

"Das bedeutete also für die Turmwache, Gewehr über, Luke auf, Leiter runter, Sprint zum Vorgesetzten, Männchen bauen, Meldung machen, ein gnädiges Grunzen empfangen und im Eiltempo wieder auf den Turm rauf."

Die alte Stimme wurde dunkel.

"Und die Kerle machten sich einen Spaß daraus, immer einzeln über den Exerzierplatz zu schwanken und die jeweiligen Wachen die Türme rauf und runter zu scheuchen wie die Kasperlepuppen. Ab und zu fiel einem der etwas mieser gelaunten Unteroffiziere natürlich noch ein lockerer Knopf oder so was auf, und dann hieß es, Liegestütz im Schlamm oder Kniebeuge mit Gewehr in Vorhalte oder ähnliches. Sie wetteiferten regelrecht miteinander um die raffinierteste Schikane, aber ihren König haben sie nie erreicht."

Die Zeitschrift senkte sich kaum merklich, der Alte sah weiterhin gedankenverloren in die huschende Schwärze hinaus. Seine Stimme hob sich, aber auch nur ein wenig.

"Der Chefausbilder, ein Leutnant, der sich für etwas besseres hielt, zu Höherem berufen sozusagen, der war anders, schlimmer, ein echter Sadist, obwohl er sich nie die gepflegten Hände schmutzig machte."

 

Der Alte schnaufte wütend und schien die Zeitschrift, die auf den kleinen Klapptisch gelegt wurde, völlig zu ignorieren. Er sprach weiter zum Fenster hin.

"Ulfert hieß er, Heinz Ulfert und er hasste seinen Namen. Überall war nur von Leutnant Heinz die Rede und der war gefürchtet wie ein Flammenwerfer. Manche Rekruten schworen, dass er Gedanken lesen könne, aber das stimmte natürlich nicht. Er war nur gebildeter als die meisten Offiziere, ein sehr guter Beobachter, schlau und absolut böse. Die Psychologie war sein Steckenpferd und er benutzte seine Untergebenen wie Pawlow seine Hunde. Man sah ihn nie mit einer Frau, er schien in seinen Spielchen völlige Befriedigung zu finden. Darin, und im Schnaps."

Der Alte schüttelte den Kopf und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen. "Ich habe keinen Menschen auf dieser Welt mehr saufen sehen als den, aber er verlor nie die Contenance. Trotzdem, wenn er voll war, war er ein Vieh."

"Moment mal." Der Junge beugte sich neugierig vor. "Wollen Sie andeuten, dass Sie in diesem Lager waren?"

"Ach Quatsch, sehe ich aus wie hundert?!" Der Alte winkte entrüstet ab und sprach schnell weiter.

 

"Die Bauernsöhne aus der Umgebung, die das Gros der Rekruten stellten, waren natürlich nichts als Kanonenfutter für ihn. Zu dumpf, um seinen Gedankengängen zu folgen, zu ungebildet, um seine Zitate würdigen zu können, meistens viel zu verkrampft vor Angst, um würdige Gegner eines Leutnant Heinz zu sein. Aber es gab einen, der ihm gewachsen war."

Pause.

"Und, wer war das?", fragte der Junge gespannt, als das Schweigen anhielt.

"Erzählen Sie doch, wir haben noch fast eine halbe Stunde", drängte er und erntete nichts als einen gespielt müden Blick. "Bitte!"

Ein Lächeln knitterte das braune Walnussgesicht unter den weißen Haaren und der Alte fuhr fort.

 

"Ein junger Rekrut, jünger als die meisten, sein Vater war Uhrmacher in der Stadt und er wollte seinem Sohn eine ordentliche Bildung angedeihen lassen, deren Gipfel seiner Meinung nach das Militär bilden sollte. Armer Idiot. Den Vater meine ich." Der Alte sah auf seine Hände, bevor er weiter sprach.

"Der Junge war groß, aber dünn, und er hatte keine Ahnung, wie stark er noch werden sollte. Aber in ihm hatte Heinz Ulfert endlich jemand, der seine Lateinzitate verstand." Er zog eine bittere Grimasse.

 

"Der Herr Leutnant betrieb sein Hobby nämlich durchaus ernsthaft. Er hatte sich die Akten aller Rekruten kommen lassen und er kannte jeden mit Vornamen. Mehr noch, in seiner Freizeit besuchte er die Eltern der Jungs und spielte den treusorgenden Vorgesetzten. Die armen Leutchen erzählten ihm oft die intimsten Einzelheiten aus der Kindheit seiner Opfer und gaben ihm manchmal sogar vom Munde abgesparte Fresspakete mit, die natürlich sämtlich im Bauch des Leutnants landeten. Dieser Junge nun wurde sein bevorzugtes Opfer und an jenem Abend stand er kurz vor dem Selbstmord."

 

Wieder eine lange Pause, aber diesmal wagte der junge Mann keinen Laut. Der Alte sprach leise weiter. "Das Wetter war schlecht, so ein richtiger Scheiß-Novemberregen, lang anhaltend, dünn und vom Wind gepeitscht, so dass er in jede Ritze drang. Es war vorauszusehen, dass die Ausbilder lange im Kasino bleiben und furchtbar miese Laune haben würden, wenn sie durch den Schlamm des Exerzierplatzes waten mussten. Der Sohn des Uhrmachers hatte Turmwache und überlegte sich gerade, wie sicher ein Sprung von einem fünf Meter hohen Wachturm ihn töten würde. Um sich die Pulsadern aufzuschneiden, fehlte ihm der Mut und erschießen konnte er sich nicht. Er hatte zwar einen Karabiner bei sich, aber der war nie geladen. Seine Berechnungen hatten gerade ergeben, dass er sich beim Sturz im günstigsten Fall den Hals, im wahrscheinlichsten aber nur ein paar andere Knochen brechen würde, als ein Mann unter den Turm trat. Der Junge erschrak bis in die Stiefelspitzen, aber bevor er reagieren konnte, erzitterte bereits die Holzstiege unter dem Gewicht seines Besuchers. Ein abgeschabtes Käppi erschien in der Turmluke und dem Rekruten fiel ein Riesenstein vom Herzen. Es war nicht der Leutnant, auch keiner von den Unteroffizieren, sondern der Hausmeister, ein alter Feldwebel, zu versehrt, um noch richtigen Dienst zu leisten, aber mit offenbar guten Beziehungen, die ihn auf diesen Druckposten hier gebracht hatten. Er saß in der Garnison die letzten Monate seines aktiven Dienstes ab und kümmerte sich derweil um kaputte Spinde und tropfende Heizungsrohre. Es hieß, er sei nicht ganz richtig im Kopf, wäre in Flandern drei Tage lang verschüttet gewesen und anschließend als einziger dem Gasangriff entkommen, der seine Retter tötete.

Die Rekruten liebten ihn, obwohl er nur selten sprach. Aber er kannte eine Menge Tricks, die das Soldatenleben erträglich machten und er zeigte den Jungs auch, wie man mit Vorgesetzten umging. Jetzt richtete er sich vor dem Uhrmacherssohn auf, der gewohnheitsmäßig in Hab-acht-Stellung zuckte. Der Feldwebel schüttelte den Kopf und trat an die Brüstung. Nach kurzem Zögern stellte sich der Rekrut neben ihn. Beide schwiegen.

"Er kommt gleich".

Die knarrende Stimme erschreckte den Jungen. Er dachte daran, wie lange dieser Mann tief in der Erde um sein Leben gebrüllt haben musste und ihm lief ein Schauer über den Rücken.

"Die andern schaffenīs heut nich. Zu besoffen. Muss ich nachher mitīm Karren holen."

Die riesige Gestalt wandte sich dem Rekruten zu.

"Wenn er da ist, spiel mit. Beiß die Zähne zusammen und spure. Dann komm wieder rauf. Ich warte hier."

Wenn der Junge später an jenen Abend zurückdachte, konnte er sich beim besten Willen nicht mehr an die Kommandos und die süffisanten Reden des Leutnants erinnern, er wusste nur, dass auf seinem Turm jemand auf ihn wartete, jemand, der helfen würde. Und das bewirkte in ihm, dass die Angst fast nicht mehr spürbar war, das Gebrüll des Leutnants nicht so demütigend und der Schlamm nicht mehr so eisig kalt. Als der erschöpfte Rekrut mit zitternden Knien schließlich wieder durch das Turmluk kroch, wurde ihm die Waffe aus der Hand genommen. Der Feldwebel reinigte sie mit den geübten Bewegungen des langgedienten Soldaten und er warf auch dem Jungen einen Lappen zu. "Mach dich sauber." Er griff in die Tasche und holte etwas heraus, das der Rekrut nicht sehen konnte. Die Bewegungen des Feldwebels an der Waffe waren so schnell, dass die Augen kaum folgen konnten.

Der Leutnant war inzwischen weitergeschlendert und trieb sein Spiel mit der Wache von Turm drei.

 

"Komm her." Der Feldwebel reichte dem Jungen das Gewehr und schob ihn an die Brüstung.

"Schieß ihn ab."

"Was?!"

"Ich hab eine Patrone reingesteckt, die Waffe ist scharf, wenn du ihn so sehr hasst, knallī ihn ab! Oder er wird Dich umbringen."

Der Junge starrte dem Feldwebel fassungslos ins Gesicht. "Aber..."

"Geh aufīs Knie, stütz dich in der Ecke ab, leg den Lauf auf die Brüstung und nimm ihn ins Visier." Der Rekrut gehorchte wie in Trance, die grobe Stimme war wie eine Faust in seinem Nacken. Der Leutnant stand mit dem Rücken zu ihnen und ergötzte sich am Keuchen eines im Schlamm liegenden Kameraden. Der Rekrut biss die Zähne zusammen, blitzschnell zogen Kimme und Korn in einen feldgrauen Rücken. Sein Zeigefinger tastete. "Druckpunkt nehmen." Das heisere Flüstern war jetzt an seinem Ohr. "Vorsichtig. Denk dran, du hast sein Leben jetzt in deinem Finger, Junge. Eine winzige Bewegung nur und er ist tot. Für immer tot. Und du bist dann auch tot, denn sie werden dich an die Wand stellen oder dich lebenslang auf Festung stecken. Aber er wird dann tot sein und du wirst in einer Zelle sitzen und dich jeden gottverdammten Tag an ihn erinnern. Worauf wartest du!? Er geht! Wenn er im Licht seiner Eingangstür steht, hast du deine letzte Chance!"

 

Der junge Rekrut atmete fast nicht mehr. Die Mündung seines Gewehrs war dem Leutnant über den Exerzierplatz gefolgt, das Visier unverrückbar wie ein Mal zwischen den grauen Schultern sitzend. Der Abzugsfinger war hart und weiß und kalt wie Marmor. Der Junge und die Waffe bewegten sich, als wären sie aus einem Stück. Der Leutnant war vor der Tür zum Offiziersquartier angekommen, eine trübe Lampe mit rundem Blechschirm beleuchtete drei Stufen, die hinaufführten. Er zögerte und der Junge hielt den Atem an. Leutnant Heinz hatte sich umgewandt und es schien, als würde er, über Kimme und Korn und den ganzen dunklen Exerzierplatz hinweg, dem Schützen direkt in die Augen sehen. Im nächsten Moment war er verschwunden.

 

Der Feldwebel langte mit schnellem Griff nach dem Gewehr und riss den Rekruten auf die Füße. Die Sicherung des Karabiners klickte und sie standen sich eine Zeitlang schweigend gegenüber, der alte und der junge Soldat, fast keuchend der eine, abwartend der andere. Als der Rekrut ruhiger wurde, hob der Feldwebel das Gewehr und öffnete das Schloss. Er zog eine einzelne Patrone heraus und schob sie dem Jungen in die Brusttasche des schlammverschmierten Waffenrocks. Seine Stimme war rau wie immer.

 

"Jedes Mal, wenn du wieder auf Wache stehst, wirst du sein Leben in deinem Finger haben. Jedes Mal, wenn er dich fertigmachen will, wirst du daran denken, dass du ihn töten kannst. Verstehst du mich? Er wird keine Macht mehr haben und du keine Furcht."

 

Damit wandte sich der Feldwebel ab und begann, die Leiter hinabzusteigen. Kurz bevor er verschwand, hob er noch einmal den Kopf. "Und keine Angst, er hat dich nicht gesehen. Die Lampe hat ihn geblendet."

 

Die alte Stimme schwieg. Der Zug raste durch die Nacht, der Lokführer hatte eine geringe Verspätung aufzuholen und das leise Wusch-Wusch der vorbeisausenden Telegrafenmasten schien die Jahre aufzuzählen, die der alte Soldat passieren musste, um in die Gegenwart zu gelangen. Er hustete ein wenig und fuhr dann mit fester Stimme fort. 

"Es kam genau, wie der Hausmeister gesagt hatte. Als Schütze Arsch hatte der junge Rekrut noch oft genug Turmwache und in jeder gottverdammten Nacht folgte der Lauf eines entsicherten Karabiners dem Leutnant bis zur Tür seines Quartiers. Der Exerzierplatz war über hundert Meter lang und irgendwann kamen dem Jungen Zweifel, ob er seinen Feind auf diese Entfernung würde noch sicher treffen können. Er beschäftigte sich intensiv mit der Technik des Schießens und vor allem des Treffens und die Schikanen der Ausbilder nahm er immer mehr als Training. Ohne es zu merken, wurde er hart, gegen sich selbst und gegen andere und im Laufe der Zeit ein richtiger Soldat. Und das erste Preisschießen der Garnison gewann er ohne Mühe."

 

Die Geschichte war zu Ende. Der Alte schnitt alle Fragen seines jungen Zuhörers ab, indem er aufstand, sich reckte und nach seiner Taschenuhr griff.

"Um Gottes Willen, wir sind ja gleich da", sagte er, als er einen Blick auf das altmodische Zifferblatt geworfen hatte. "Ich muss zusehen, dass ich im Speisewagen noch ein schnelles Bier bekomme. Meine Kehle ist ganz ausgedörrt. Alsdann, junger Freund."

 

Mit den geschmeidigen Bewegungen eines dreißig Jahre jüngeren Mannes griff der Alte seine Reisetasche vom Sitz und glitt in den Gang hinaus. Bevor er in Richtung der Lokomotive verschwand, steckte er noch einmal den Kopf durch die Schiebetür.

"Wissen Sie, mein Junge, beim Militär ist es wie überall. Es gibt Idioten und es gibt vernünftige Menschen, die letzteren sind sogar in der Überzahl. Aber die Idioten fallen einfach mehr auf. Und bleiben länger in Erinnerung."

 

Damit verschwand er. Der junge Mann blieb wie erstarrt im leeren Abteil zurück. Er war sich nicht im Klaren darüber, ob die letzte Stunde Realität oder nur ein wirrer Traum gewesen war, aber eines wusste er mit Sicherheit. An der Uhrkette des alten Soldaten hing eine große, vergoldete Patrone.