Die Frau mit dem Honighaar

 

 

Der Fahrradkurier radelte langsam die zugeparkte Straße entlang, den Blick suchend auf die stellenweise gut verborgenen Hausnummern gerichtet. Er hatte es nicht eilig und war Profi genug, um den reichlichen Schlaglöchern der alten Straße nicht mehr als die gerade nötige Aufmerksamkeit widmen zu müssen. Das Wetter war herrlich, er hatte gut verdient und ein zeitiger Feierabend stand in Aussicht.

„Sechzehn...Achtzehn...“, murmelte der Kurier vor sich hin. Haus Nummer Sechsundzwanzig war sein Ziel. Das musste diese malerisch verwucherte Villa an der Ecke sein. Der Kurier hob sich im Sattel und trat in die Pedale. Das Rad schoss vorwärts. Im gleichen Moment zog fünf Meter vor ihm ein Mercedes-Cabriolet flott aus einer Parklücke, bremste abrupt, aber zu spät. Dumpf schlug der Reifen des Mountainbikes gegen einen safrangelben Kotflügel und der Kurier flog über die lang gestreckte Motorhaube der Luxuskarosse in den Straßendreck. Sein Gefährt schepperte hinter ihm zu Boden, dann herrschte wieder Stille in dem ruhigen Villenviertel.

Der Kurier rappelte sich mühsam auf. Gott sei Dank schien nichts gebrochen zu sein, aber...

“Mein Rad! Verdammt!“

Er zog den Drahtesel heran und untersuchte ihn fieberhaft. Das leise Klappen der Mercedestür überhörte er völlig.

„Ist Ihnen was passiert?“

Die Stimme traf den knienden Kurier direkt ins Stammhirn, raste alle Nervenbahnen entlang und versetzte Zonen in Erregung, deren Existenz ein bis dahin gut gehütetes Geheimnis gewesen war. Das Timbre dieser Stimme war dunkel und rau, ein kehliges, leicht heiseres Schnurren, in dem das Summen einer auf Höchsttouren drehenden Turbine mitschwang. Aber sie war weiblich. Eindeutig weiblich.

Der Kurier blickte auf und hatte Mühe, das Kinn im Gesicht zu behalten. Der Anblick der Frau, die sich mit besorgtem Gesichtsausdruck über ihn beugte, hätte in einer Herzklinik ein Massensterben ausgelöst. Glänzendes honigfarbenes Haar war zu einem losen Zopf zusammengefasst und floss über ihre rechte Schulter, umschmeichelte perfekte Brüste in irgendeinem eng anliegenden Oberteil und endete mit leichtem Lockenschlag über einer geschmeidigen Taille. Himmelhohe Beine steckten in einfachen Jeansröhren und endeten in geschnürten Wildlederstiefelchen mit Stilettoabsätzen, bei deren bloßem Anblick dem Kurier die Knöchel wehtaten. Alles an dieser Frau schien irgendwie außerhalb der Norm zu liegen, das zu kleine Näschen, der zu breite Mund, die langen, zarten Hände. Aber die Mischung war unwiderstehlich. Besonders diese riesigen, dunkelblauen Augen, in die der Kurier glatt hineingefallen wäre, wenn sie nicht gezwinkert hätten.

„Ich hab Sie übersehen, tut mir leid. Sie sind wirklich nicht verletzt?“

Auch ein soeben von einer Büffelherde niedergetrampelter Mann wird diese Frage verneinen, wenn sie von einer solchen Frau gestellt wird. Der Kurier bewegte die Schultern und schüttelte den Kopf.

„Alles okay soweit und mein Rad...“

Er musterte die Maschine noch einmal kritisch, konnte jedoch keinen Schaden entdecken.

„Dann haben wir ja beide noch mal Glück gehabt, was?“

Ihr Lächeln trieb ihm fast die Tränen in die Augen. Und dieser Duft! Wie eine Blumenwiese, in der sich eine Tigerin gewälzt hatte.

„Hören Sie, ich habe es sehr eilig.“

Was? Wie?

„Ich hab einen dringenden Kunden und bin eh´ schon zu spät dran.“

Sie zog ein flaches Mäppchen aus der Gesäßtasche (Diese Bewegung!!) und reichte dem Kurier eine Karte.

„Wenn Sie noch irgendeinen Schaden an sich oder ihrem Rad feststellen, rufen sie mich an, ja?“

Die Zauberfee schwebte um ihren Wagen herum, öffnete die Tür und noch einmal wärmte ihr Lächeln die nördliche Halbkugel.

„Aber nicht vor elf Uhr bitte!“

Die Tür klappte, der Motor brummte auf und dann war der Kurier allein. Langsam drang die Realität wieder in sein Bewusstsein. Das Zwitschern der Vögel, entfernte Autos. Wäre nicht die Karte in seiner Hand gewesen, er hätte felsenfest an einen Traum geglaubt. Ein solch strahlendes Wesen konnte nur überirdisch sein, nicht mal in der Fernsehwerbung hatte er je vergleichbares gesehen. Er beäugte das kleine Stück Pappe, auf das in zartem Druck eine Telefonnummer geprägt war. Keine Adresse. Er schob es in die Brusttasche seiner Goretex-Jacke, stand auf und zog das Fahrrad heran.

„Meine Fresse“, murmelte er, als er sich wieder in den Sattel schwang.

„Ist die schön!“

 

****

„Sie haben um meinen Rückruf gebeten. Haben Sie sich doch etwas getan?“

Obwohl er diesmal vorbereitet war, schlug ihre Stimme dem Kurier wie eine Keule in den Bauch. Er holte tief Luft und packte den Hörer fester. Zwei Tage hatte er gebraucht, um sich einzugestehen, dass er diese Stimme um jeden Preis noch einmal hören musste. Und vielleicht die Fee noch einmal sehen, die zu dieser Stimme gehörte. Und den Duft noch einmal riechen.

„N..ein, mir geht´s gut, alles in Ordnung. Es ist nur...“

Verdammt! Seine Stimme zitterte doch ein wenig.

„Ja?“ Jetzt lächelte sie sicher. Na klar. Sie hatte es gespürt. Vor dieser Frau konnte es keine Geheimnisse geben. Der Kurier riss sich zusammen.

„Ich hätte Sie ja nicht belästigt, aber...Es ist doch etwas am Rad kaputtgegangen, einer von den Bremshebeln ist angebrochen und die Dinger sind ziemlich wichtig und außerdem nicht gerade billig und ich dachte...“

„Ich habe schon verstanden.“ Die Stimme war etwas kühler jetzt. Geschäftsmäßiger. Vielleicht ist sie Anwältin, dachte er.

„Und Sie müssen sich auch nicht entschuldigen, schließlich hab ich Sie ja über den Haufen gekarrt. Schicken Sie mir einfach die Rechnung und die Sache geht glatt.“

Der Kurier erschauerte. In dem Ton hätte diese Frau in ein paar Minuten den Nahost-Konflikt gelöst.

„Was ist, sind Sie noch dran?“

„Äh..jaja..ich überlege nur grade...“

Der Kurier geriet ins Schwitzen. Vielleicht klappte es ja doch...

„Ich möchte das Ganze lieber persönlich abwickeln“, sagte er dann mit fester Stimme.

„Ich meine, ich kann Ihnen ja sonst was erzählen oder die Rechnung türken, oder...Außerdem bin ich am Tag sowieso in der City unterwegs und das spart Ihnen bestimmt ´ne Masse Zeit...“

Bitte, flehte der Kurier im Stillen. Bitte.

Einige Sekunden summte nur die Leitung zwischen ihnen.

„Wir machen´s anders“, fuhr sie dann mit munterer Stimme fort. „Mögen Sie chinesisches Essen?“

„Was?“ Er glaubte, sich verhört zu haben. Sie lachte leise und ihm sträubten sich die Nackenhaare.

„Ich habe morgen noch keine Verabredung zum Essen und außerdem den ganzen Tag frei. Und ich koche für mein Leben gern chinesisch. Also werde ich bei Ihnen vorbeikommen und Sie bekochen, sozusagen als Ausgleich für Ihren Schreck und den Schmerz und die Unannehmlichkeiten und so weiter und so weiter.“ Jetzt lachte sie laut und der Kurier hatte die schreckliche Vision, sie könnte sein saudummes Gesicht in diesem Moment sehen.

„Außerdem soll das Wetter morgen einfach gruselgrauslich werden“, fuhr sie fort

Das Lachen war immer noch in ihrer Stimme und er dachte an das lange, honigblonde Haar, die großen blauen Augen und diese traumhafte Figur. Und das alles in seiner schmuddeligen Dachgeschoßwohnung. Er schaffte es gerade noch, die Adresse durchzugeben und sich zu verabschieden, dann fiel ihm der Hörer aus der Hand.

 

****

Der nächste Tag sah den Kurier beim Hausputz, einer ihm ansonsten verhassten Tätigkeit. Heute übertraf er sich selbst und verwickelte sogar die mürrische Nachbarin mit einem strahlenden Lächeln in ein Fachgespräch über Scheuermittel. Nie beäugte Ecken wurden inspiziert, nie gelesene Bücher abgestaubt und nie geputzte Fenster wieder durchsichtig gemacht. In dem alten, ungepflegten Gebäude, unter dessen klapprigen Dach der Kurier zwei winzige Räume bewohnte, gab es keine Bäder, keine Innentoiletten und oft auch keine Hausbeleuchtung. Die Mieter, die noch hier aushielten, hatten den Kampf gegen abblätternde Deckenfarbe und bröckelnden Putz längst aufgegeben. Der Kurier fegte die gesamte Treppe und klaubte die herumliegenden Werbungsfetzen, die von den Verteilerkolonnen einfach unter die Briefkästen geschmissen wurden, säuberlich zusammen.

Da sie vor dem alten Herd wohl die meiste Zeit zubringen würde, wienerte er ihn wie seit Jahren nicht mehr und weil der Kühlschrank gleich daneben stand, bekam auch dieser eine Vollwäsche. Am Teppich war nicht viel zu retten. Unzählige Rotweinpartys hatten unausrottbare Spuren hinterlassen. Der Kurier zuckte die Schultern. Vor dem mit allem möglichem und unmöglichem Kram überladenen Schreibtisch winkte er ganz ab. Das sah nach Arbeit aus. Das konnte bleiben.

Drei Stunden später saß der Kurier mit verträumtem Lächeln auf dem Teppich, lehnte rücklings an dem altmodischen Kachelofen und genoss schweigend einen außergewöhnlichen Anblick. Vor ihm lag die Frau mit dem Honighaar bäuchlings ausgestreckt auf dem Teppich und zeichnete. Ihr Gesicht wurde von ihrem Haar verborgen, das sie ab und zu mit einer anmutigen Bewegung, die sie nicht mehr bewusst wahrzunehmen schien, über die Schulter schleuderte. Die Schultern waren ein wenig eckig und eigentlich zu breit für eine Frau, aber wieder bewährte sich die Disharmonie der Proportionen. Der Blick schweifte weiter, eine herrliche Rückenlinie entlang zu einem niedlichen Gesäß, dass nun wirklich keine Spur zu groß war. Die abgewetzten Jeans saßen wie aufgemalt und so sehr der Kurier auch hinstarrte, er konnte keine noch so schwache Abzeichnung ihrer Unterwäsche erkennen. Sie trägt sicher einen Tanga, dachte er.

Ihre langen Beine waren anmutig übereinander geschlagen und manchmal kratzte der rechte große Zeh am linken Fuß. Die Füße waren nackt und die Zehennägel perlmuttfarben lackiert, mit einem leichten rosa Schimmer. In den Händen hielt die Frau Bleistift und Zeichenblock vom Schreibtisch des Kuriers und vor ihr lag das Cover einer CD von Celine Dion. Mit winzigen Strichen und seltenen Radiergummibewegungen entstand auf dem weißen Papier des Blocks ein vergrößertes, aber perfektes Ebenbild des elegant geschwungenen Schriftzuges. Sie arbeitete seit gut dreißig Minuten voll konzentriert und genauso lange hatte niemand etwas gesagt. Dem Kurier war es recht. So konnte er sich in Ruhe über seine Gefühle klar werden und seine nächsten Handlungen abwägen.

Vor drei Stunden hatte die alte Klingel angeschlagen und die Fee stand mit strahlendem Lächeln in der Tür, rechts und links beladen mit zwei großen Papiertüten mit chinesischen Schriftzeichen. Er war wie immer bei ihrem Anblick eine Sekunde lang gelähmt.

„Was ist“, sagte sie belustigt. „Lassen Sie mich rein?“

„Äh... ja, klar doch...“ Er trat zurück und sie ging ohne Umschweife an ihm vorbei und lud ihre Last auf dem Küchentisch ab.

„Ist das hier die Rechnung?“, fragte sie. Der Zettel lag mitten auf der Tischplatte, daneben der zerbrochene Bremshebel.

„J..ja, das ist die Rechnung...und der kaputte Hebel...Ich meine, der Neue ist schon eingebaut, ich dachte...“

Sie kümmerte sich nicht um sein Gestotter, sie schien im Gegenteil daran gewöhnt zu sein, dass Männer in ihrer Gegenwart die Fassung verloren. Nach einem flüchtigen Blick auf die Summe fischte sie einige Geldscheine aus der Hosentasche, wickelte sie in die Rechnung, faltete einmal längs, einmal quer und reichte das Päckchen über die Schulter dem Kurier, ohne ihn anzusehen. Der nahm es und tat das einzige, was ihm übrig blieb.

Er steckte es ein.

Sie hatte sich währenddessen ihrer Sandalen entledigt und schlenderte unbefangen durch die winzige Wohnung, musterte die Bücher, den riesigen Schreibtisch und die überladene Pinnwand dahinter. Der Kurier hatte das bestimmte Gefühl, dass ihr verlotterte Mansarden nicht fremd waren.

Seine Unsicherheit verging. Er fing an, die Tüten aufzureißen und den Inhalt auf dem Küchentisch zu verteilen. Mit dem Gemüse und dem Fleisch kam er noch klar, aber was sich in den vielen exotisch bezeichneten Tütchen und Bechern verbarg, mochte Maos Geist wissen. Er musterte gerade das Etikett einer ziemlich großen Flasche, die offenbar Wein enthielt, als er ihren betörenden Duft wieder wahrnahm. Plötzlich wurde ihm die Flasche aus der Hand genommen. Die Frau stand neben ihm und lächelte ihn an. Sie war fast größer als er, sogar barfuss.

„Das ist Pflaumenwein“, sagt sie, wieder mit dieser schnurrenden Stimme. „Zwölf Prozent. Fallen Sie davon um?“

„Nicht, wenn ich schon liege“, meinte der Kurier und erntete jenen seltsamen Blick, über den er jetzt schon vierzig Minuten lang nachdachte. Normalerweise hätte er es nie versucht, hätte so einer Frau auch niemals begegnen können. Sie war älter als er, offenbar reich und spielte in einer gänzlich anderen Liga. Und er kannte sein Spiegelbild und weibliche Reaktionen darauf zu gut, um noch viele Illusionen zu haben. Und dennoch...

„Am besten, Sie kümmern sich um das Gemüse, während ich das Fleisch und die Saucen vorbereite“, hatte sie gesagt.

„Alles schälen, putzen und waschen, die Schoten schneiden Sie in schmale Streifen, die Zwiebel würfeln, die Möhren und den Lauch in Scheiben und die Knoblauchzehen ganz fein gehackt.“

Wieder dieses Lächeln. „Alles klar?“

„Alles klar.“ Das war eine Lüge gewesen, denn im Grunde war ihm nichts an dieser Frau klar. Dieses Essen konnte interessant werden.

„Der Wok ist eines der ältesten Kochwerkzeuge der Welt, und wie ich finde, eines der effektivsten“, fing sie an. Das langweilige Geschäft des Vorbereitens der Zutaten wollte sie offenbar mit einem kleinen Vortrag auflockern.

„Seine Besonderheit liegt in der sich verjüngenden Form, dadurch hat man eine optimale Wärmeverteilung und verbraucht sehr wenig Öl.“ Sie blickte ihn an. „Das war für die Leute im alten China ziemlich wichtig. Die konnten sich kein großes Feuer leisten und auch nicht literweise Öl.“

„Also Arme-Leute-Essen“, meinte er.

„Kommt drauf an...“

„Worauf?“

Sie schnitt das gewaschene und abgetupfte Fleisch vorsichtig in schmale Streifen.

„Auf die Zutaten, die Sie verwenden.“ Sie sah wieder auf und ihr Lächeln hatte jetzt etwas Bitteres.

„Im Mittelalter aßen die Armen Europas das, was die Reichen übrig ließen, nämlich die Innereien, damals minderwertiges Fleisch. Heute sind geschmorte Nierchen zum Beispiel eine Delikatesse.“ Sie wies auf den Wok.

„Und das hier ist mittlerweile eine Kunst.“

„Kunst?“

Sie lachte über sein verdutztes Gesicht.

„Na, sie wissen schon. Viele wollen, manche machen es. Und nur wenige können es wirklich.“

„Dann sind Sie also eine Künstlerin?“

Sie hatte wieder auf das Fleisch geblickt und das Messer angesetzt. Ihre Schultern schienen eine wenig nach vorn zu sinken, aber ihrer Stimme war nichts anzumerken gewesen.

„In gewisser Hinsicht wohl schon.“

Mehr war nicht geschehen bis jetzt. Das Essen war köstlich gewesen, aber die Unterhaltung oberflächlich geblieben, was den Kurier betrübte. Sie hatten viel gelacht, aber auf keine seiner verstohlenen Schmeicheleien war sie eingegangen und sie zu berühren hatte er nicht gewagt. Irgendwann hatte er Musik aufgelegt und die Platte der kanadischen Sängerin war ihm in die Hände gefallen.

„Ich wünschte, das gäbe es als Poster“, hatte er gesagt und auf den geschwungenen Schriftzug gezeigt.

„Vielleicht A4-Format oder so.“ Er wies auf die Bleistiftzeichnungen, die vereinzelt an eine schlichte weiße Wand gepinnt waren.

„Die sind alle von Freunden, als Erinnerung sozusagen. Mein Zeichentalent ist leider unter aller Kanone.“

„Wenn Sie ordentliches Werkzeug haben, mache ich´s Ihnen schnell.“ Das klang nach einem Profi.

„Im Ernst? Sie sind also doch Künstlerin?“

Sie hatte ihn angegrinst. „Nicht wirklich, glauben Sie mir. Aber es ist bequemer als abwaschen.“

Dieser Aufgabe hatte er sich in zehn Minuten entledigt. Seitdem saß er hier auf dem Boden herum und betrachtete ein Kunstwerk und das Entstehen eines anderen. Sie schien langsam fertig zu werden. Vielleicht könnte man mal nachsehen...

Der Kurier richtete sich auf und glitt leise auf Händen und Knien hinüber. Die Frau arbeitete immer noch konzentriert und schien ihn nicht zu bemerken. Vorsichtig lugte er über ihre Schulter. Das Bild wirkte perfekt, aber sie fand offenbar immer noch etwas zu verbessern und arbeitete mit kaum wahrnehmbaren Schraffuren am großen Bogen des C. Seine rechte Hand stützte sich auf den Teppichboden, direkt neben ihrer Hüfte. Eine einzige harmlose Bewegung nur...

Er verlagerte das Gewicht. Jetzt hockte er seitlich aufgestützt mit angezogenen Knien neben ihr. Sie musste ihn wahrgenommen haben. Er räusperte sich.

„Sieht doch so gut wie fertig aus, oder?“

„Ja, für Sie vielleicht.“ Sie wechselte den Bleistift. „Mein alter Zeichenlehrer würde mir das um die Ohren hauen.“

Der Kurier holte vorsichtig Atem. Das Bild war ihm im Augenblick scheißegal und der Zeichenlehrer erst recht. Nur ihre Nähe zählte jetzt. Er hob vorsichtig die Hand und ließ die Fingerspitzen kaum wahrnehmbar über diesen wundervollen Jeanshintern gleiten. Sein volles Gewicht mochte er ihr nicht zumuten, aber seine Wärme sollte sie spüren. Und seine Absichten.

Ihre Reaktion kam prompt und er hatte mit so ziemlich allem gerechnet, nicht einmal eine Ohrfeige hätte er übel genommen. Aber was jetzt kam, überraschte ihn doch.

Sie hatte sich blitzschnell zur die Seite gedreht, so dass seine Hand von ihrem Hinterteil rutschte. Der Kurier machte keine Bewegung und so richtete sie sich auf und sah ihm aus vielleicht zwanzig Zentimetern Entfernung gerade in die Augen. Und da passierte es. Er konnte später nicht sagen, ob der Moment zwei Stunden oder nur Sekunden gedauert hatte. Aber in dieser Zeit lag alles offen, alle seine Gedanken, auch die schmutzigsten, die verborgensten Sehnsüchte und seine ganze Welt. Er schämte sich nicht. Und sie wusste alles.

Sie schüttelte leicht den Kopf, aber das wäre nicht nötig gewesen. Er würde nicht gewalttätig werden, nicht einmal drängen würde er. Er wusste, beides hätte nichts genützt. Nur zerstört. Und sie wusste, dass er es wusste. Ihr Kopfschütteln meinte nicht nur Tag und Stunde, sondern alle Zeiten der Welt, dessen war er sicher. Für eine undefinierbare Zeitspanne waren zwei Gefühlswelten gleich- und zusammengeschaltet und konnten dennoch nicht das Problem lösen, an dem sich Generationen von Dichtern und Denkern die Köpfe vergeblich eingerannt hatten. Aus welchem Grunde er mit ihr und sie mit ihm. Oder eben nicht.

„Ich werde das Bild noch fertig machen“, sagte sie mit fester Stimme. „Und dann werd` ich gehen.“

Der Kurier nickte. Zu sprechen wagte er nicht, er fürchtete keinen Ton herauszubekommen. Etwas blockierte seine Kehle und drückte hinter den Augäpfeln.

Er stand auf und legte eine neue CD in den Player. Dann schlich er lautlos in die Küche.

 

 

****

Mittagszeit, dreißig Minuten nach zwölf. Der Kurier stand in einem zentral gelegenen Wohngebiet vor dem Portal eines nagelneuen Appartementhauses und biss sich auf die Lippen. Sie würde sauer sein, wahrscheinlich sogar stinksauer. Sie hatte ihm ihre Wohnung nie genannt, aber Kuriere hatten ihre Methoden, wenn es um verlorene Adressen ging und er fand, dass er eine zweite Chance verdiente. Dieser magische Moment in seinem Zimmer war kein normales Ereignis gewesen. Er wollte auf Teufel komm raus wissen, ob sie das ebenfalls empfunden hatte. Und was der Grund ihrer Ablehnung war.

Der Abschied war wortkarg, aber nicht frostig gewesen. Gewiss hatte sie angenommen, ihre Bekanntschaft hätte ein kurzes Ende gefunden und vielleicht bereute sie ihren Entschluss, ihn eingeladen zu haben. Er hatte ihr den schweren chinesischen Kochtopf nach unten getragen und ein kurzes Winken war das letzte gewesen, was er von ihr sah. Und die Autonummer.

Der Kurier ging in die Hocke und begutachtete seine Maschine. Nicht wegen eines Defektes, nur um Zeit zu gewinnen. In diesem Haus gab es Büros im Erdgeschoß und es war Mittagszeit. Irgendwann würde jemand herauskommen oder hineingehen. Wichtig war nur, dass er den Betreffenden rechtzeitig genug entdeckte, um ihm die Show eines gerade eingetroffenen Fahrradkuriers zu bieten. Der Rest wäre dann einfach. Die wasserdichte rote Rückenmappe und sein Rad legitimierten ihn ausreichend. Niemand aus der Klasse der Geldmacher achtet auf die Dienstleister. Sie sind da und machen ihren Job. Sie gehören einer niederen Kaste an. Unberührbare Unterbezahlte. Nicht wichtig. Unsichtbar. Genau das war sein Trumpf.

Etwas rührte sich im Treppenhaus. Der Lift ging auf und eine Gruppe von Büromenschen bewegte sich schwatzend, lachend und die Hackordnung genau einhaltend auf die Eingangstür zu. Der Kurier schulterte sein Rad, machte zwei Schritte und fing geschickt die aufschwingende Tür ab. Einer dieser Jackettaffen hielt sie ihm auf. Ein freundliches Lächeln ins Leere.

„Vielen Dank!“

Und dann war er drin. Der Kurier war schon in vielen Bürohäusern gewesen und das Ambiente schreckte ihn nicht. Kein Pförtner, das war die Hauptsache. Keine dummen Fragen. Automatische Fahrstühle. Das Rad passte sogar bequem hinein. Einer der Knöpfe trug die Aufschrift P. Die Aufzugtüren glitten zu. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Mit leisem „Ping“ glitten die Lifttüren auseinander. Das Rad rollte als erstes auf den weiträumigen Flur, vorsichtig folgte der Kurier, seine Maschine am Sattel führend. Wenn er auch schon Luxus kennen gelernt hatte, das hier ließ ihn doch sekundenlang innehalten. Dezente, sanftgelbe Beleuchtung, gepflegte Grünpflanzen und fein gearbeitete Messingreliefs an den Wänden. Und dieser Duft! Er kannte ihn schon, aber hier war er stärker. Etwas Animalisches haftete ihm an, etwas Erwartendes, Spannendes. Als ob sich jederzeit eine der drei Türen öffnen und eine rassige, aber nichtsdestoweniger wilde Bestie freigeben würde.

Er stellte das Rad vorsichtig ab, lehnte es neben dem Aufzug an die mit einer samtigen Tapete bespannte Wand. Keine der Türen verriet, was hinter ihr lag, es gab keine Namensschilder, keine Klingelknöpfe, nichts. Nur einen Spion in der mittleren Tür. Der Kurier beäugte ihn und fragte sich, ob der Lift ein Signal in der Wohnung aktivierte, sobald das P gedrückt wurde. Sicherlich, wie sollte man sich sonst ohne Klingel bemerkbar machen. Sie wusste also Bescheid.

Auf einmal wurde er seltsam ruhig, wie ein Gladiator in der Arena, der begriffen hat, dass er sterben wird, ob er nun siegt oder nicht. Der Kurier stellte seine rote Tasche ab, bückte sich und zog eine einzelne Rose daraus hervor. Seine Angst war verschwunden, ebenso die Unsicherheit. Er hatte ihre Klinge längst im Leib und jetzt kam es nur noch darauf an, wie sich seine letzten Minuten gestalten würden.

Die mittlere Tür öffnete sich mit einem plötzlichen Ruck, aber ohne einen Laut, und da stand sie. Etwas derangiert allerdings. Offenbar hatte sie gerade geduscht. Außer einem Bademantel, einem weißen Frotteetuch um den Kopf und einem mürrischen Gesichtsausdruck trug sie nichts. Der Kurier stand zwei Meter von der Schwelle entfernt und machte keine Anstalten näher zu treten. Er legte die Rose wie ein Baby in die linke Armbeuge und den Kopf schräg in die gleiche Richtung.

„Es ist nach elf“, sagte er dann. „Ich wollte mich entschuldigen und um untertänigste Vergebung ersuchen. Geruhen Gnädigste mich zu empfangen?“

Sie schwieg. Sagte keinen Ton. Nicht einmal die Augäpfel bewegten sich. Der Kurier zog die Augenbrauen hoch, machte aber noch immer keinen Schritt.

„Ich möchte wirklich nicht stören“, sagte er.

„Mich stört´s nicht.“ Sie trat endlich zurück und der Anflug eines sarkastischen Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. „Sieh Dich ruhig um. Ich zieh´ mich derweil an.“

Sie wandte sich ab und bevor der Kurier die Tür erreicht hatte, war sie verschwunden. Neugierig trat er näher und bog in den geräumigen Flur.

Auf den ersten Blick schien alles so zu sein wie es sich für ein Appartement der Luxusklasse gehörte. Zuerst Gänge in alle Richtungen, an den Wänden und auf Borden und Tischchen ästhetischer Schnickschnack aus Kunstboutiquen, den zumindest der sicher durchweg exorbitante Preis einte. Ein riesiger, mehrfach geteilter Wohnraum auf drei Ebenen mit einer nicht weniger riesigen Glasfront, die auf eine Terrasse hinausführte. Ein riesiger Blick auf die Stadt. Eine Küche mit einem gewaltigen Kühlschrank, in der alles normal zu sein schien, wenn man davon absah, dass sie keine Wände hatte. Der Kurier schlenderte herum und stellte die Rose in eine zierliche Vase, die er auf einem der zahlreichen Beistelltische fand. Einige Türen waren zu sehen, er nahm an, dass sie zu Gästezimmern und Bädern führten. Wenn er zum ersten Mal in einer fremden Wohnung war, suchte er immer zuerst den Bücherschrank. Hier fand er keinen, nur eine Menge Zeitschriften lag herum, ausnahmslos letzte Nummern und ausnahmslos teuer. Zu seinem Erstaunen waren auch ein Wirtschaftsmagazin, der Spiegel und Mens Health darunter.

„Inspektion beendet?“

Sie war hinter ihm, er hatte sie nicht kommen hören. Breitbeinig, mit verschränkten Armen stand sie da. Und sie sah hinreißend aus. Ein Hausmantel aus dunkelblauer Seide umspielte ihre Figur und brachte es irgendwie fertig, wenig zu verbergen und nichts preiszugeben. Ihr Haar war wieder ein braungolden glänzendes Fließen und ihre Augen blaue Seen. Auf ihrem Gesicht stritt sich ein herausforderndes Lächeln mit einer verachtenden Grimasse.

„Alles gesehen?“, fragte sie. „Zufrieden?“

Warum nur dieser aggressive Ton, dachte der Kurier.

„Ja“, sagte er und strahlte sie an. „Hübsche Hütte. Hier kann man bestimmt prima Feten abfeiern.“

„Dabei hast Du das Beste noch gar nicht entdeckt!“

Sie schritt an ihm vorbei und stieß eine der Türen auf, hinter denen er Gästezimmer vermutet hatte. Dort war auch ein Gästezimmer. Aber ein besonderes. Fast der gesamte hintere Teil des nicht eben kleinen Raumes wurde von einem gewaltigen Bett eingenommen. Es gab zahlreiche Spiegel, einen Schrank, eine Truhe, einen winzigen Tisch mit zwei Stühlen und eine, durch einen Vorhang abgetrennte Sanitärecke mit Bidet und Dusche. Im Schrank hingen an Bügeln und Haken alle möglichen und unmöglichen Dessous und Kostüme, von der Schülerinnenuniform bis zum Karrieredress einer erfolgreichen Managerin. Die Truhe dagegen war gefüllt mit verschiedensten Folterwerkzeugen und Fesseln, die meisten wohl harmlos, aber einige sahen echt gefährlich aus.

„Wow.“ Der Kurier zog eine geflochtene Bullenpeitsche aus der Truhe und ließ sie prüfend durch die Luft pfeifen.

„Du bist eine Domina.“

Die Frau mit dem Honighaar hatte die beiden Behältnisse geöffnet und war dann in derselben Haltung wie im Wohnzimmer mitten in ihrem Arbeitsraum stehen geblieben. Auf ihrem Gesicht zeichnete sich einige Sekunden lang Verblüffung über den anerkennenden Tonfall des Kuriers ab, aber sie erholte sich schnell.

„Ich bin keine Domina“, sagte sie dann rau. „Ich bin alles.“

Der Kurier lächelte sie an.

„Du bist eine Märchenfee“, sagte er leise. Sofort war sie wütend.

„Was weißt du grüner Junge denn schon!“

Sie schlug die Truhe zu und wirbelte herum, um den Schrank zu schließen. Der Kurier machte eine überraschte Bewegung, sie stolperte und plötzlich hielt er sie fest. Sekundenlang erstarrten beide, überrascht von der Berührung, überrumpelt von der gleichzeitigen Erinnerung an eine andere Situation, einen anderen Blick aus gleicher Distance, einen Blitz, der genauso kurz und intensiv gezündet hatte wie eben jetzt.

Eine Sekunde lang lag alles offen, alle ihre Gedanken, auch die sentimentalsten, die heimlichen Sehnsüchte und ihre ganze Welt. Sie schämte sich nicht. Und er wusste genug.

Er hob sie sacht ins Gleichgewicht.

„Ich weiß eine Menge über Huren“, flüsterte er. „Ich musste mal eine Arbeit über die Hetären im alten Griechenland schreiben. Wusstest Du, dass sie ein hohes Ansehen und sogar politische Macht besaßen?“

Sie machte sich los, sanft, aber entschieden. Wortlos ging sie ins Wohnzimmer hinüber. Der Kurier folgte ihr wie ein Schatten. Mitten im Raum blieb sie stehen, wieder mit verschränkten Armen, als friere sie.

„Die Zeit der Hetären ist lange vorbei. Und ich bin niemandem Rechenschaft schuldig. Ich bin eine Hure, okay. Aber eine verdammt gute.“

„Na klar, das sehe ich doch.“ Der Kurier blieb ungerührt. Er wies mit einer ausholenden Bewegung um sich. „Die Bude hier kostet mindestens eine Million. Wenn nicht mehr.“

Sie redete weiter, als hätte sie ihn nicht gehört.

„Ich spreche drei Sprachen fließend und in zwei anderen kann ich immerhin einen Oberkellner herumscheuchen. Du kannst mit mir über Bilanzen und Abschreibungsmodelle genauso reden wie über Sportwagen, Polo oder Psychologie. Ich hab eine Tanzausbildung, das Abitur und einen Kurs als Bardame...“

„Und Du kannst chinesisch kochen“, unterbrach er sie. „Was ist los mit Dir? Ich habe kein Wort gegen Deinen Beruf gesagt.“

Sie sah ihn an.

„Beruf.“ Beinahe hätte sie gelacht. „Du bist ein netter Junge. Entschuldige. Aber es ist trotzdem besser, wenn Du jetzt gehst.“

Der Kurier kniff die Augen zusammen.

„Sie lassen es Dich spüren, was?“ sagte er leise. „Sie bezahlen gut, aber sie lassen es Dich immer spüren. Dass Du nur ein teures Spielzeug bist.“

Sie sah ihn an wie eine Mutter ihr Kind.

„Manche tun es, manche nicht. Wer damit nicht fertig wird, sollte meinen Job nicht machen.“

„Hm.“ Der Kurier grinste verkrampft. Das war’s dann also, dachte er. Aber ein Apache geht nie ohne Schlusswort.

„Weißt Du, was ein kluger Mann mal gesagt hat?“ Er zwinkerte ihr zu.

„Gute Huren können eins. Nämlich ficken. Gute Huren können eins nicht. Nämlich Deine Probleme lösen. Wenn Du Dich ausheulen willst, geh zu einem guten Barkeeper. Zitat Ende. Und weißt Du was? Ich glaube, dass einige von euch über diese Regel hinausgehen.“

Der Kurier trat vorsichtig den Rückzug an.

„Und das sind die Besten“, raunte er.

Zum letzten Mal sahen sie einander in die Augen, die Hure mit dem Honighaar und der Fahrradkurier und für eine Sekunde war wieder so etwas wie Übereinstimmung und gegenseitiges Verstehen zu spüren. Dann formten ihre Lippen lautlos zwei Worte. Der Kurier nickte langsam, wandte sich um und machte, dass er davonkam.