Erinnerung


Es gibt Tage, da gelingt einfach alles.

Der kleine, pummelige Junge an der Tischtennisplatte wusste das noch nicht und er hatte auch keine Ahnung, dass er dem amtierenden Landesjugendmeister gegenüberstand.

Dieser, ein langer Modellathlet, lehnte lässig an der Platte und war in Gedanken schon bei der Siegerehrung. Ob er sich wieder so weit vornüber beugen musste? Nein, diesmal würde er aufs Knie gehen und den Kopf neigen, als empfange er die Pairswürde. Im Geiste schon die Goldmedaille streichelnd, musterte der Meister seinen letzten Kontrahenten. Kein Gegner, entschied er und schnickte die weiße Zelluloidkugel mit seiner unhaltbaren Spezialangabe haarscharf über das Netz.

Der Kleine stand zu dicht an der Platte. Er hätte jetzt eigentlich einen Satz nach hinten machen und den Ball verfehlen müssen. Statt dessen riss er im puren Reflex seinen Schläger quer vor dem Bauch nach oben, ließ den Ball einfach abprallen und sah erstaunt zu, wie dieser über das Netz taumelte und kokett schräg von der Kante sprang, so schnell, dass der Jugendmeister nicht einmal zuckte.

"Null - Eins", verkündete der Kampfrichter.


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Weller lächelte bei dieser Erinnerung. Er ging eine stille Straße in einem alten Viertel entlang, genoss den milden Sonnenschein eines Spätsommertages und ignorierte den Schmerz in seinem rechten Fuß. In dieser Gegend wohnten seit jeher Arbeiter und kleine Angestellte, es gab kaum Tiefgaragen und dennoch genügend Parkplätze. Dafür gesorgt hatte der Sturm der Zeit, der über die Stadt gerast war wie eine abstürzende Boeing, leere Grundstücke hinterlassend, hohläugige Ruinen und vereinzelte geschniegelte Betonburgen mit extrastabilen Haustüren, winzigen Balkons und Hoflampen mit Bewegungsmeldern. Aber noch atmete das alte Viertel die Luft, die aus Ziegelwänden dringt, durchsetzt mit dem Geruch sonnendurchglühter Dachböden und uralter Bohnerwichse.


Das Eckhaus stand noch, aber die Fenster waren eingeschlagen, die unteren zugemauert wie auch die Türöffnungen. Weller war stehen geblieben, lehnte sich an einen Bretterzaun, um seinen Fuß zu entlasten und betrachtete das alte Haus.

Im Erdgeschoß war einmal eine Kneipe gewesen, die halbzerstörte Neonreklame war noch vorhanden, die übliche Einteilung in Gast- und Gesellschaftsraum noch zu erkennen. Weller kniff die Augen zusammen.


Da wir nun schon bei angenehmen Erinnerungen sind, dachte er. Elke war die erste Frau gewesen, die er ernsthaft geküsst hatte, die erste auch, die zusammengezuckt war, als seine tastenden Daumen ihre Brustwarzen unter dem Pulli berührten. In dieser Kneipe hatten sie getanzt, an einem Abend, an dem sie einfach so losmarschiert waren, denn sie lebte noch bei ihrer Mutter und auch seine Eltern waren daheim und hatten ihre eigene Art, mit Damenbesuch ihres Sohnes umzugehen.


Die Tanzmusik klang gedämpft durch die halboffenen Fenster und Elke hatte ihn einfach mit sich gezogen. Sein Geld reichte für den Einlass, ihres für eine Flasche Wein. Sie tranken und sahen sich in die Augen, aber er wagte nicht ihre Hand zu ergreifen. Sie tanzten. Anfangs wild und ausgelassen, später aneinandergeschmiegt, streichelnd, sich sanft wiegend. Sie küssten sich selten, denn er verlor jedes Mal das Gleichgewicht dabei. Ihre Arme umschlangen ihn und sie hatte sich so fest an ihn gepresst, dass sie seine Erektion deutlich spüren musste.

"Ich halt dich", murmelte sie an seiner Schulter. "Ich halte dich fest."

Als die Kneipe schloss und sie nach Hause gingen, ließ er seine Hand nicht aus ihrer. Sie gingen und er spann ihre Zukunft aus.

Eine kleine Wohnung, ein großes Bett und ein Kühlschrank, in dem der Wein stand.

Sie gingen und gaben acht auf den Weg, denn das Neubauviertel, in dem er wohnte, war damals eine sich ständig verändernde Baustelle, mit Gruben und Halden und offenen, unbeleuchteten Schächten.


In einen solchen war die Wildente gestürzt, drei Meter tief, anderthalb Meter im Quadrat, Raum genug zum Überleben, nicht genug zum Fliegen. Hier war vor kurzem noch freies Feld gewesen, das kleine Entenhirn hatte die Veränderungen noch nicht registriert und den Weg zum Fluss verfehlt. Er leuchtete mit dem Feuerzeug, murmelte etwas, fluchte und stieg dann hinab. Später, viel später, gestand sie ihm, dass sie sich genau in diesem Augenblick richtig in ihn verliebt hätte, in dem Moment, als er ohne Rücksicht auf Dreck und Klamotten an schmierigen Eisensprossen ins Dunkle gestiegen war, um ein um sich schlagendes, beißendes und scheißendes Quakvieh zurück in die Freiheit zu zerren.


Es gibt eben Tage, da gelingt einem Mann alles.


Weller lächelte müde und betastete seinen schmerzenden Fuß. Der Sprung aus dem Fenster, vor acht Monaten, war ihm nicht besonders gelungen und auch seine Ehe, mit einer anderen Frau, konnte nur als Fiasko bezeichnet werden. Und dennoch, für solche Tage lohnte es sich, weiterzumachen. Das Lächeln wurde freier und Weller war wieder der kleine, pummelige Junge an der Tischtennisplatte, den Ball in der Hand, im dritten Satz.


Den ersten hatte er gewonnen, den zweiten hatte der Meister unter verbissenem Einsatz seines ganzen Könnens knapp für sich entschieden. Jetzt lag er 20:19 zurück und erwartete den Aufschlag dieses Nobodys, der über das gesamte Spiel hinweg sämtliche Regeln eines ernsthaften Kampfes ignoriert und aus purem Spaß an der Freude drauflos gedroschen hatte. Der Junge warf den Ball hoch in die Luft, ohne die Augen vom Gegner zu wenden. Sein Schläger zischte waagerecht unter der weißen Kugel hindurch, berührte sie gerade nur eben beinahe, gab ihr kaum Vorwärtsdrall, aber einen mörderischen Effet. Der Ball tickte zweimal auf die Platte, mühsam das Netz überquerend, und rollte dann aus, ohne dem Meister die Spur einer Chance zu lassen. Noch bevor dieser seinen Schläger wütend in eine Ecke feuerte, hatte Weller sich abgewandt und ging zum Kampfrichtertisch.

Es gibt Tage, da gelingt einfach alles.


Aber es sind nur Tage...