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Volle Deckung
Spät in der Nacht begann
sich der Knoten in seinem Bauch langsam zu lösen. Während der vergangenen
zehn Stunden hatte er nur Wasser getrunken und sogar ein paar Brote
gegessen und sein Magen fühlte sich nicht mehr ganz so an wie ein
flüssiger Bleiklumpen. Das Fernsehprogramm war längst zur ständigen
Wiederholung geworden und das Zimmer lag im Dunkel. Und zum ersten Mal
seit zwei Tagen und Nächten schloss der Mann auf dem Sofa die
Augen. Am nächsten Morgen
öffnete er sie wieder, erhob sich mühsam und ging zur Toilette. Die beiden
Zimmer und erst recht die Küche waren ein Durcheinander von leeren
Flaschen und schmutzigen Klamotten, zwischen denen Zeitungen und
Videokassetten lagen. Der Mann ging langsam, aber nicht mehr taumelnd
durch die Räume und trug so lange Gegenstände hin und her, bis die Wohnung
wieder einen einigermaßen wohnlichen Eindruck machte. Er stellte das
eingetrocknete Geschirr zusammen, stöpselte das Telefon wieder ein und
räumte die Aschenbecher weg. Als nichts dringendes mehr zu erledigen war,
schlurfte er zum Schreibtisch, setzte sich und legte Arme und Kopf auf die
Platte, aber die Tränen wollten nicht kommen. Schließlich gab er auf, hob
den Kopf und fuhr sich mit der Rechten über das unrasierte Kinn. Die
Mundwinkel hatten sich so tief eingegraben, als ob sie sich nie wieder
heben wollten und in dem kurz geschnittenen dunklen Haaren schimmerten
bestimmt einige graue Strähnen mehr. Der Mann schüttelte müde den Kopf und
die Gräben in seinem Gesicht vertieften sich jäh. “Was solls, Junge,”
murmelte er heiser. “ Du bist ja selber schuld”. Sie hatten sich an jenem
Abend zufällig getroffen, zu einem Zeitpunkt, an dem er schon nicht mehr
auf nette Gesellschaft gehofft hatte. Jane war eine schlanke, nicht zu
große Brünette mit einem Rehgesicht und tiefen braunem Augen, die direkt
und frech überallhin zu blicken wagten. Ihre Figur war noch immer
mädchenhaft und ihr frisches Wesen ließ sie jünger erscheinen, als sie
tatsächlich war. Aber für ihn noch wichtiger als ihre äußerlichen
Attribute waren ihr scharfer Verstand und eine Schlagfertigkeit, die man
schätzen lernte, wenn man größtenteils mit Leuten verkehren musste, deren
Sprachschatz ein armseliges Häufchen Silberlinge war. Janes Stimme war rau
und ein klein wenig heiser und wenn sie ihn manchmal ansah, stellten sich
ihm die Nackenhaare auf. Er fand sie vom ersten Moment an unwiderstehlich.
Sie kannten einander schon seit Jahren, waren sich auch immer mal wieder
über den Weg gelaufen, dummerweise immer dann, wenn er oder sie oder beide
liiert waren. Meist waren ihre jeweiligen Freunde auch seine Bekannten, so
dass sich eventuelle Turteleien von selbst verboten, zumal sie beide
offenbar demselben Moralkodex anhingen, der da lautete: Nie eine Beziehung
wissentlich zerstören. Es hatte sich eben nie etwas ergeben und im Laufe der Zeit war Jane zu einem Traum geworden, schön, aber unerfüllbar, wie so viele Träume. Aber an diesem Abend...
Sie hatten getrunken und
gelacht, bis sein Geld alle war, danach hatte sie noch mehr über seine
umgedrehten Taschen gelacht und ihn einfach abgeschleppt. Irgendwo war in
dieser Stadt immer etwas los, sie kannte offenbar die entsprechenden
Lokale sehr gut und in geleckten Nobelbars fühlten sie sich beide nicht
wohl. So landeten sie in irgendeinem Weinkeller in einem Vorort, ein altes
Gewölbe, Nischen, verständnisvolle Kellner und eine Miniband, die sich
statt an Trommelfellzerfetzung an Bluesvariationen versuchte. Er brauchte
einen Kaffee, bevor er tanzen konnte, aber dann wurde es wunderschön. Ihr
Körper schwebte um ihn herum, er hielt sie fest und doch nicht fest und
sie duftete nach Rosen. Sie fasste sich wunderbar an. Und er vergaß die
Regel. Er hatte sie vor Jahren
selbst für sich aufgestellt und bis jetzt gewissenhaft befolgt, nicht aus
Einsicht, sondern aus schmerzhaften Erfahrungen heraus. Die Regel war
einfach, aber wie alles Einfache schwer zu machen. Wenn ein Boxer diese
Regel missachtet, riskiert er, den Fight zu verlieren, öffnet ein Ritter
das Visier, riskiert er sein Leben. Also lass dich nicht treffen. Immer
die Deckung oben halten, nie jemandem so nahe kommen lassen, dass er dir
schaden kann. Du riskierst nicht dein Leben dabei, aber Schmerzen, die
lange nicht vergehen. Also lass es, es reicht. Für Experimente dieser Art
bist du zu alt. Er hatte sie trotzdem geküsst. Sie hatte eine niedliche
Art zu küssen. Lauter kleine Küsschen um den Mund herum, tastend
gewissermaßen, bis der beste Platz, die beste Umarmung und der richtige
Druck für höchsten Genuss gefunden war. Er hatte seine Hände nicht
zurückgehalten und irgendwann während dieser schwindlig machenden
Knutscherei kam ihm die Idee, dass sie sich eigentlich hätte wehren
müssen. Sie hatte es nicht getan, im Gegenteil. Sie hatte ihn an sich
gezogen, sich mit dem ganzen Körper an ihn gepresst und sie setzte einen
beträchtlichen Teil ihrer Kraft dazu ein. Und dann war der Gedanke
plötzlich in seinem kaum noch klaren Kopf. Vielleicht...Vielleicht ja
doch… Und die Schilde senkten
sich. Die Ernüchterung kam
schnell, er hätte es wissen müssen, verdammt. Nicht, dass er ihr einen
Vorwurf machte, obwohl sie das anzunehmen schien. Nein, der Tanz war schön
gewesen und der Kuss atemberaubend. Ein schöner Abend. Nein, sie traf
keine Schuld. Sich selbst hätte er ohrfeigen können. Er hatte das Visier
geöffnet, den Panzer durchlässig gemacht für ein Gefühl, von dem er doch
genau wusste, welchen Schaden es in ihm anrichten würde. Er hatte die
Regel missachtet. An den Rest des Abends
erinnerte er sich nicht mehr genau, aber das hatte weniger mit dem Alkohol
als mit dem Schock zu tun, glaubte er. Manche banalen Dinge waren ihm
erschreckend klar im Gedächtnis geblieben, aber ihr Gesicht war
verschwunden. Er hatte sie nicht mehr angesehen. Mit dürren Worten hatte
sie auf die bestehende Situation hingewiesen, eine Lage allerdings, die
ihm auch vorher schon völlig klar gewesen war. Und dennoch...Oder hatte
sie es einfach verdrängt? Konnte sie das? Dann war
vielleicht…? “Ach halts Maul, du Jammerlappen”, murmelte der Mann und erhob sich vom Schreibtisch. “Das ist schon das vierte Mal und irgendwann wirst du daran noch eingehen, du Idiot. Schreib ihr einen Brief, schick eine Rose...und nimm um Himmels Willen die Fäuste wieder hoch!” |