Allahdien und die wunde Schlampe



Allahdien hatte es satt. Er war Aushilfskellner und zuständig für die Terrasse des Red Sea Resort in Hurghada am Roten Meer, er trug ein engelfedernweißes Hemd und eine schwertscharf gebügelte schwarze Hose, er war ein schlanker, stolzer, zwanzigjähriger Ägypter und er hatte es wirklich satt. Die drei fetten Deutschen brüllten schon wieder seinen Sklavennamen quer über den Pool. Das taten sie ungefähr achtmal die Stunde und mittlerweile nannten ihn sogar die Zimmermädchen so. Dabei hieß er eigentlich Jalal. Aber den fetten Deutschen gefiel es, ihn als Allahs Diener zu betiteln und schließlich hatten sie ihm unter dem Kettenraucherkrächzen, dass sie als Lache bezeichneten, mit einer halbleeren Bierflasche getauft.

Sie konnten sich das erlauben, denn auf ihrem Tisch lagen meist mehr von den zerknitterten braunen Pfundscheinen, als Allahdien je gesehen hatte. Selbst Jussuf, der gestrenge Oberkellner, wandte nur noch den Blick ab und strich sich mit gemessener Geste über den rabenschwarzen Bart, wenn die Deutschen ihr lächerliches Englisch über die Terrasse gröhlten. Es hatte keinen Sinn, dagegen aufzubegehren. Die taten ohnehin seit ihrer Ankunft nichts anderes.

Allahdien unterdrückte einen Seufzer und nahm das mit Bierflaschen gefüllte Tablett auf. Er zwang sich zu einem Lächeln, dass seinem hübschen Gesicht einen ihm unbewussten Liebreiz verlieh und tänzelte geschmeidig um die größtenteils unbesetzten Tische herum.

"Da isser ja, der Hühnerschregger,"  röhrte der Fetteste der Fetten. Was den anderen unbegreiflicherweise ein noch lauteres Krächzen entlockte.
"Komm on, my little arabschn," feixte der Zweitfetteste der Fetten. "It is ever en eruption, when you coming, my lovely arabschn." Der Drittfetteste der Fetten kicherte.

Allahdien verstand nicht alles, was seine Gäste von sich gaben, aber er lächelte immer. Englisch war keine so komplizierte Sprache, es war eine grobe, einfache, primitive Ausdrucksweise, nicht vergleichbar der blumigen, reichen, geradezu duftenden Sprache des Propheten. Aber jeder Ägypter, der etwas bedeutete, reich war oder beides nur werden wollte, beherrschte zumindest einige Wendungen. Auch Allahdien hatte ein zerfleddertes Dictionary neben dem Bett liegen. Er arbeitete sechzehn Stunden am Tag, aber er fand immer Zeit, vor dem Schlafen ein paar Worte zu lernen. Er wusste, noch war es die Sprache der Mächtigen.

Allahdien bewohnte ein Zimmer, in das nicht viel mehr hineinpasste als ein Tisch mit Stuhl, ein kleiner Schrank, ein Bett und er selbst. Es war unverschämt teuer und hatte nicht einmal ein Fenster. Allahdien arbeitete ein Drittel des Monats nur für die Miete. Die Fahrt zur Arbeit mit den allgegenwärtigen Kleinbussen, die im ländlichen Ägypten ein öffentliches Nahverkehrssystem ersetzen, kostete ebenfalls. Essen konnte er verbilligt in der Hotelküche, aber verbilligt hieß nicht billig. Manchmal steckte ihm Farita, die einzige weibliche Köchin, etwas zu. Farita mochte ihn offenbar. Farita hatte auch eine Tochter, die wunderschön sein sollte. Allahdien hatte sie noch nie gesehen. Ohne Heirat war das nicht erlaubt. Und das Brautgeld wäre für ihn unerschwinglich.

"Jalal!" Jussuf, der Oberkellner, war der Einzige, der ihn noch so nannte.
"Ja?"
"Sie gehen." Selbst mit diesen zwei Worten konnte Jussuf Verachtung ausdrücken. "Sie sind sehr betrunken. Sorg dafür, dass sie gut in ihre Zimmer kommen."
"Ja."
"Und dann räumst Du die Terrasse auf und gehst nach Hause. Die anderen Gäste schaffe ich allein."
"Ja, Boss." Allahdien wusste, Jussuf hörte das gern.

"Come, Allahdien, my dromedarchen, let my on your Buckel schnarchen", gab der Zweitfetteste der Fetten zum Besten, als der junge Kellner an den Tisch trat.  Der Drittfetteste der drei schien diesmal die Rechnung bezahlt zu haben, denn er stopfte noch Pfundscheine in die Taschen seiner ausgebeulten Shorts. Der Fetteste der Fetten war offenbar völlig hinüber. Allahdien entschied sich, ihn unterzuhaken und gebot den anderen, sich einfach festzuhalten wie kleine Affen. Es funktionierte und die unförmige Karawane wankte steile Treppen hinauf.

Im Gang vor ihren Zimmern hakten sich die Geringfetteren ab und verschwanden wortlos hinter den Türen. Der Fetteste der Fetten wog plötzlich so schwer wie alle Sünden der Ungläubigen. Allahdien geriet ins Wanken, brachte es aber dennoch fertig, dem Volltrunkenen den Zimmerschlüssel aus der Tasche zu ziehen, die Tür zu öffnen und den schon fast Schlafenden auf das Bett zu werfen. Besonders sanft war er nicht dabei. Allah verfluche sie alle.

"Can you help me, boy?"  Allahdien fuhr herum wie von der Viper gebissen. Im Türrahmen stand eine hummerrote Frau von etwa Mitte zwanzig. Er brachte kein Wort heraus.

Ihr Englisch war entweder noch schlechter als das der Deutschen oder sie hielt ihn nicht der Mühe für wert. Mit einem knappen Winken gebot sie ihm, ihr zu folgen, was der junge Aushilfskellner widerspruchslos tat. Mit offenem Mund lief er ihr einfach hinterher.

Die hummerrote Frau war in einen durchsichtigen Tüllumhang gekleidet und schien darunter nicht mehr zu tragen als ein dunkles Spitzenhöschen und rotgebrannte Haut, die stellenweise mit weißer Creme bedeckt war. Am beschmieren ihrer rückwärtigen Partie schien sie allerdings gescheitert zu sein und genau das war der Grund, aus welchem sie Allahdiens Hilfe in Anspruch zu nehmen gedachte.

Sie betraten ein Zimmer am Ende des Ganges. Allahdien erinnerte sich nun, die Frau schon gesehen zu haben. Sie war vor zwei Tagen mit einem grobschlächtigen Mann angereist und hatte sich am nächsten Tag beinahe unbekleidet an den Strand gelegt. Die Warnungen der Handtuchboys, dass auch die Palmdächer der Sonnenhütten nicht vollständig vor der UV-Strahlung schützen würden, fielen diesmal aus, da sich keiner von ihnen in die Nähe hochaufragender Baywatchbrüste wagte. Seitdem war die Frau verschwunden.

Und nun lag sie hier, mittlerweile ohne Umhang bäuchlings auf dem Bett, das dicht beschichtete Gesicht ins Kissen gedrückt, die blonde Haarflut zur Seite gerafft. Ein dumpfer Murmelsatz klang zu Allahdien herauf, begleitet von einem unmißverständlichen Wink zum Sonnencremebehälter.

Allahdien atmete vorsichtig. Da lag eine Frau. Eine fast nackte Frau. Eine fast nackte europäische Frau. Und wenn sie auch rot war wie ein gekochter Krebschwanz, sie war doch die schönste aller Houris in Allahs grünem Garten des Paradieses.

Zögernd näherte er sich, griff sich den Drei-Liter-Kübel mit der Creme und begann, ein paar Handvoll davon auf der blasenbedeckten Rückenhaut der Frau zu verteilen. Nach anfänglichem Zögern wurde er schnell sicherer und lernte nebenbei eine Menge über weibliche Unmutsäußerungen und die Empfindlichkeit von Verbrennungen zweiten Grades. Die signalrote Haut soff die Creme wie die fetten Deutschen ihr Bier.

Nun, der Rücken war fertig. Die Beine hatten ebenfalls genügend Sonnenfeuer abbekommen, aber mit seiner neu erworbenen Routine erledigte Allahdien diese Aufgabe in Rekordzeit. Er achtete sehr darauf, die fettige Salbe  nicht mit dem schwarzen Spitzenhöschen, das die Frau trug, in Berührung kommen zu lassen. Er hatte einmal einen Katalog mit solcher Wäsche gesehen und die Preise darin hatten ihm Ehrfurcht vor den Männern eingeflößt, die ihren Frauen so etwas kaufen konnten.

Die Frau bewegte sich. Allahdien zuckte zurück in dem Glauben, Schmerzen verursacht zu haben. Aber die Frau raffte nur mit geübtem Griff ihr Höschen zusammen. Und zwar derart, dass es nur mehr aus drei schwarzen Stricken zu bestehen schien, die sich über diesen prachtvollen Sonnenuntergangshintern zogen und an einer ganz bestimmten Stelle zusammentrafen.

Allahdien merkte, dass er nicht mehr gerade auf der Bettseite hocken konnte. Seine schwarze Diensthose war eng geschnitten, was ihn bisher nicht gestört hatte. Nun doch. Er überlegte, ob er sich neben das Bett knien sollte. Ja, es ging. Aber nun zitterten die Hände.

Die Pobacken waren kein großes Problem. Ebensowenig der untere Rücken. Die Innenseiten der Oberschenkel zu erreichen, hielt Allahdien für unmöglich, bis die Frau kommentarlos die Beine spreizte. In diesem Moment spürte Allahdien schmerzhaft die Bettkante.

Er atmete schwer, in seinem Kopf schwirrten gleißende Gummikugeln herum, die ab und zu an von hinten an seine Augäpfel stießen. Ein anderer Teil seines Selbst begann mit nüchterner Leidenschaftslosigkeit die Anatomie dieses speziell weiblichen Körperbereiches zu studieren und in seine Synapsen zu brennen. Heißes Rauschen erfüllte ihn. Aber nicht einmal die Finger zitterten mehr.

Die Haut war auch an diesen Stellen sehr durstig. Allahdien rieb und rieb. Er klatschte drauf und verteilte, zart und behutsam, liebevoll fast. Die Frau hatte sich schon länger nicht mehr geregt. Vielleicht war sie eingeschlafen.

"Was zur Hölle ist hier los?!"
Tief in seine Tätigkeit versunken hatte Allahdien nicht bemerkt, wie sich die Tür öffnete. Der grobschlächtige Mann stand auf der Schwelle und beäugte mit deutlichen Zeichen erheblichen Unmutes die Szenerie.
"Was fingerst Du an meiner Frau rum, du kleiner Ziegenficker?!"
Allahdien verstand kein Wort.

Die Frau sagte etwas, offensichtlich besänftige es den Grobschlächtigen ein wenig. Er bollerte unverständliches vor sich hin, aber die Geste in Allahdiens Richtung war eindeutig. Verpiss Dich.

Nichts lieber als das. Allahdien stellte den Cremetopf ab und wollte sich von den Knien erheben, als er die Katastrophe bemerkte. Um Allahs Willen! Er konnte unmöglich jetzt aufstehen!!

"Was ist, bist Du noch nicht weg?"
"Allah..."
"Was? Willst Du noch Trinkgeld haben?" Der große Mann wühlte in seiner Tasche und warf Allahdien ein paar Scheine hin.
"Und jetzt verschwinde."
"Allah il Allah..." deklamierte Allahdien. Ihm war gerade die Lösung seines Problems eingefallen. Noch auf den Knien sammelte er die zerknitterten Pfundscheine auf und rutschte in der gleichen gebückten Haltung in die Mekka-Ecke, wo er sich noch tiefer verbeugte.
"...we Mohammed rassul Allah..."

"Das fasse ich doch einfach nicht, jetzt fängt der Kerl hier noch an zu beten. Also, eins sage ich Dir..."

Die weitere Unterhaltung blendete Allahdien einfach aus. Er verstand ohnehin kein Wort und seine einzigen Bestrebungen waren nun, von seinem Gott Verzeihung dafür zu erflehen, dass er einer ruchlosen Schlampe zum Opfer gefallen war und endlich seine Erektion loszuwerden...


Und die Moral von der Geschicht?

Es gehört die Religion
nicht umsonst zum guten Ton.